Für den Krisenfall vorsorgen: Wie Niedersachsen seine Ernährungssicherheit stärken kann
Expertinnen und Experten aus der Praxis, Wirtschaft, Wissenschaft, Beratung und Politik zeigten in Vechta konkrete Wege auf, wie die niedersächsische Agrar- und Ernährungswirtschaft krisenfester aufgestellt werden kann.
Vechta, 24. September 2026. Pandemie, Energiekrise, geopolitische Konflikte und Extremwetter haben gezeigt, wie schnell sich die Rahmenbedingungen für die Agrar- und Ernährungswirtschaft verändern können. Was passiert, wenn Energie, Treibstoff oder wichtige Betriebsmittel nicht mehr zuverlässig verfügbar sind? Und wie können landwirtschaftliche Betriebe und regionale Wertschöpfungsketten auch dann handlungsfähig bleiben?
Mit diesen Fragen beschäftigten sich rund 120 Teilnehmende bei der Fachtagung „Vorsorgen statt reagieren: Wege zur Ernährungssicherheit in Niedersachsen“ an der Universität Vechta. Veranstaltet wurde die Tagung vom Verbund Transformationsforschung agrar Niedersachsen (trafo:agrar) und dem Netzwerk EIP Agrar & Innovation Niedersachsen. Vertreterinnen und Vertretern aus landwirtschaftlicher Praxis, Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Beratung diskutierten im Rahmen der Veranstaltung, wie kritische Abhängigkeiten verringert und die Agrar- und Ernährungssysteme in Niedersachsen langfristig widerstandsfähiger aufgestellt werden können. Im Mittelpunkt standen dabei nicht kurzfristige Maßnahmen für den Krisenfall, sondern konkrete Ansätze für eine vorausschauende Vorsorge – von Innovationen in der Landwirtschaft über regionale Wertschöpfungsstrukturen bis hin zu neuen Wegen im Umgang mit Energie und Ressourcen.
Neue Wege für mehr Krisenfestigkeit
„Resilienz ist kein Notfallkoffer, den man erst in der Krise öffnet. Sie beginnt mit Sensibilisierung, lebt von Kommunikation und belastbaren Netzwerken – und im Ernstfall auch davon, zu wissen, wen man anrufen kann. Besonders wirksam wird Vorsorge, wenn daraus Lösungen und Geschäftsmodelle entstehen, die Unternehmen wirtschaftlich stärken und zugleich ihre Handlungsfähigkeit in Krisen erhöhen“, betonte Dr. Barbara Grabkowsky, Leiterin von trafo:agrar.
Wie unterschiedlich solche Lösungen aussehen können, zeigten Start-ups, EIP-Projekte und Praxisbeispiele. Vorgestellt wurden unter anderem dieBlaulicht-Desinfektion zur Reduzierung von Lebensmittelabfällen (BlaubaD), die Erzeugung von Omega-3-Fettsäuren direkt auf dem Hof (Algen-EPA), Gemüseanbau im Schweinestall (Stallgrün) sowie KI-gestützte Keimfähigkeitstests für eine präzisere Anbauplanung (Seedalive).
Auch regionale und dezentrale Ansätze standen im Fokus. Timo Hoffmann stellte mit Microfarming Farm Ammerland einen Ansatz für diversifizierte landwirtschaftliche Produktion vor. Thorsten Dralle von der RegioMotion Beratungs GmbH zeigte, wie digitale Ressourcenmarktplätze dazu beitragen können, vorhandene Kapazitäten und Ressourcen regional besser miteinander zu verknüpfen.
Es wurde dabei deutlich: Resilienz bedeutet nicht zwangsläufig, vollständig unabhängig von überregionalen Strukturen zu werden. Vielmehr geht es darum, Abhängigkeiten bewusst zu gestalten, Alternativen verfügbar zu halten und regionale Handlungsspielräume zu stärken.
AgriSecure: Kritische Abhängigkeiten frühzeitig erkennen
Einen weiteren Schwerpunkt legte die Fachtagung auf das Projekt AgriSecure, das vom Niedersächsischen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz gefördert wird. Das Projekt untersucht kritische Abhängigkeiten in den niedersächsischen Agrar- und Ernährungssystemen und entwickelt daraus konkrete Vorsorgestrategien.
Niedersachsens Verbraucherschutzministerin Miriam Staudte betont: „Gerade mit Blick auf mögliche Krisen müssen wir heute wissen, wo kritische Abhängigkeiten bestehen und wie wir unsere Strukturen widerstandsfähiger machen können. Genau hier setzt AgriSecure an: Das Projekt schafft die Grundlage, um frühzeitig Vorsorge zu treffen und konkrete Handlungsmöglichkeiten für Niedersachsen zu entwickeln.“
Dr. Stefanie Retz von trafo:agrar stellte auf der Fachtagung erste Ansätze des Projekts vor. Im Vordergrund steht dabei nicht die kurzfristige Reaktion auf einen Krisenfall, sondern die Frage, wie Wertschöpfungsketten langfristig stabiler und anpassungsfähiger werden können.
Zusammenarbeit als Schlüssel für Ernährungssicherheit
Die Diskussionen der Fachtagung zeigten: Ernährungssicherheit ist eine gemeinsame Aufgabe. Landwirtschaftliche Betriebe, Unternehmen, Kommunen, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft müssen ihre jeweiligen Möglichkeiten zusammenbringen, um kritische Abhängigkeiten zu erkennen und tragfähige Lösungen zu entwickeln.
„Die Fachtagung hat gezeigt, wie viel Know-how und konkrete Ideen bereits vorhanden sind. Jetzt kommt es darauf an, diese Ansätze zusammenzuführen und daraus Lösungen für die Praxis zu entwickeln“, erklärte Fabian Storm, Leiter des Netzwerk EIP Agrar & Innovation Niedersachsen.
Mit dem trafo:nachwuchspreis 2026 richtete die Veranstaltung abschließend den Blick auf die nächste Generation: Sechs Nachwuchspreisträgerinnen und Nachwuchspreisträger präsentierten ihre Arbeiten und wurden für ihre Beiträge ausgezeichnet. Mit neuen Ideen und Perspektiven zeigen sie, wie die Agrar- und Ernährungswirtschaft auch in Zukunft weiterentwickelt werden kann.
Die Fachtagung zeigte vor allem eines: Ernährungssicherheit beginnt lange vor der Krise. Vorausschauende Vorsorge, resiliente Strukturen und Zusammenarbeit sind entscheidend, um die Agrar- und Ernährungssysteme in Niedersachsen langfristig krisenfester aufzustellen.
Kontakt:
Lena Möllers
Referentin für Wissenstransfer und Öffentlichkeitsarbeit trafo:agrar
E-Mail: lena.moellers@trafo-agrar.de
www.trafo-agrar.de





