Programm


Dienstag, 11. September 2018 Universität Vechta, Q-Gebäude, Raum 111

14.00–14.30UhrEmpfang und Begrüßung durch Prof. Dr. Michael Ewig (Vizepräsident für Forschung und Nachwuchsförderung) und die Organisatoren (Prof. Dr. Gabriele Dürbeck und Philip Hüpkes)
Eröffnungsvortrag (Moderation: Gabriele Dürbeck, Vechta)
14.30–15.15Uhr

Eva Horn (Wien)

"Global weirding. Perspektiven einer Ästhetik des Anthropozän"

15.15–15.45UhrKaffeepause
Panel 1: "Das Anthropozän perspektivieren"  (Moderation: Jonas Nesselhauf, Vechta)
15.45–16.30Uhr

Hannes Bergthaller (Taichung)

"Oriental Wisdom for the Planet, or: Can There Be an Asian Perspective on the Anthropocene?"

16.30–17.15Uhr

Roman Bartosch (Köln)

"An 'ecology' of everything and anything? Epistemologie, Interpretation und Literaturvermittlung im Zeichen transkultureller Ökologie"

17.15–18.00UhrSuppe/Snack
Keynote I (Moderation: Philip Hüpkes, Vechta)
18.00–19.00Uhr

Hans-Jörg Rheinberger (Berlin)

"'Material Turn' und 'Anthropocenic Turn' aus wissensgeschichtlicher Perspektive"

19.30Uhrgemeinsames Abendessen

Mittwoch, 12. September 2018 Kirche am Campus, Feldmannskamp 1, Seminarraum

Panel 2: "Das Anthropozän historisieren"  (Moderation: Gabriele Dürbeck, Vechta)
09.15–10.00Uhr

Fabienne Will (München)

"Disziplinärer Wandel im Zuge des Anthropozäns? Der wissenschaftliche Diskurs um das Zeitalter des Menschen"

10.00–10.45Uhr

Franz Mauelshagen (Potsdam)

"Clio trifft Gaia — oder: Keine Befreiung von der Natur"

10.45–11.15UhrKaffeepause
Panel 3: "Das Anthropozän regieren und vermitteln" (Moderation: Alexandra Toland, Weimar)
11.15–12.00Uhr

Philipp Pattberg (Amsterdam)

"Governing the Anthropocene: The Contributions of Political Science"

12.00–12.45Uhr

Christian Schwägerl (Berlin)

"Journalismus im Anthropozän: Was und wie berichten wir den Lesern der fernen Zukunft?"

12.45–14.00UhrMittagspause
Panel 4: "Das Anthropozän kritisch reflektieren" (Moderation: Julia Bee, Weimar)
14.00–14.45Uhr

Jürgen Manemann (Hannover)

"Wider die Hybris — eine humanökologische Kritik des 'Anthropozän'"

14.45–15.30Uhr

Bernhard Malkmus (Newcastle)

"Freies Geleit: Das Anthropozän als tragische Denkfigur"

15.30–16.00UhrKaffeepause
Panel 5: "Das Anthropozän erzählen" (Moderation: Christine Kanz, Linz)
16.00–16.45Uhr

Serenella Iovino (Turin)

"Italo Calvino and the Landscapes of the Anthropocene: A Narrative Stratigraphy"

16.45–17.30Uhr

Gregers Andersen (Roskilde)

"Biopolitics and the Nostalgia of Techno-Optimism"

17.30–18.00UhrPause
Keynote II (Moderation: Gabriele Dürbeck, Vechta)
18.00–19.00Uhr

Bernd Scherer (Berlin)

"Die Naturwerdung des Menschen"


Donnerstag, 13. September 2018 Kirche am Campus, Feldmannskamp 1, Seminarraum

Panel 6: "Das Anthropozän visualisieren" (Moderation: Philip Hüpkes, Vechta)

09.15–10.00Uhr

Alexandra Toland (Weimar)

"Seeds — An Example of Boundary Objects of the Anthropocene in Visual Arts Research"

10.00–10.45Uhr

Julia Bee (Weimar)

"'Multiperspektivismus' und 'Erdmedien': Visuelle Anthropologie im Anthropozän"

10.45–11.15UhrKaffeepause
Abschlussvortrag und Abschlussdiskussion
11.15–12.00Uhr

Gabriele Dürbeck (Vechta) und Philip Hüpkes (Vechta)

"Anthropocenic Turn?"

12.00–12.30UhrAbschlussdiskussion
12.30Uhrgemeinsames Mittagessen

Abstract

Das Anthropozän-Konzept, im Jahre 2000 durch Paul Crutzen und Eugene Stoermer erstmals offiziell als Begriff für eine neue geologische Epoche vorgeschlagen, hat sich in den letzten 18 Jahren zu einem bedeutsamen inter- und transdisziplinären Forschungsfeld entwickelt. Indem es in neuartiger Weise den Einfluss anthropogener Aktivitäten auf das Erdsystem in den Fokus der geowissenschaftlichen Analyse gerückt und damit die erkenntnisleitende Dichotomie von Natur und Kulturzugunsten ihrer Relationalität aufgehoben hat, eröffnet das Anthropozän auch den sozial-, geistes- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen die Auseinandersetzung mit interdisziplinären Fragestellungen nach der Stellung des Menschen auf der Erde und seiner Verantwortung für die Zukunft des Planeten.

Als Gegenstand der Geo- und Umweltwissenschaftenwirft das Anthropozän etwa die Frage nach der Festlegung von "planetary boundaries" (Johan Rockström) auf, in deren Rahmen feedbackloops zwischen den planetarischen Subsystemen trotz anthropogener Einflussnahme auf ein annehmbares Minimum reduziert würden. Als 'kulturelles Konzept' (Helmuth Trischler) verstanden, formieren sich unter dem Begriff vielfältige Auseinandersetzungen mit philosophischen, ethischen, historischen und soziokulturellen Grundannahmen. Trotz disziplinspezifisch divergierender Forschungsansätze lässt sich eine diskursübergreifende Gemeinsamkeit ausmachen, die bereits in der Prämisse Crutzens, Erdsystem und Menschheit seien nicht mehr getrennt voneinander zu beobachten, angelegt ist: das Anthropozän-Konzept scheint genuindarauf zu verweisen, dass sich die Parameter des Erkennens, des Erfahrens, des Produzierens von (wissenschaftlicher) Realität in tiefenzeitlicher, planetarischer und erdsystemischer Perspektive maßgeblich verschoben haben und folglich einer Neuverhandlung bedürfen.

Durch die Vielzahl der Publikationen, die eine Neuverhandlung wissenschaftlicher Parameter fordern, stellt sich die Frage, ob und inwiefern (bereits) von einem "anthropocenic turn" gesprochen werden kann. So wird das Anthropozän zum Beispiel als 'Brückenkonzept' aufgefasst, das in neuartiger Weise den Zusammenschluss heterogener, zuvor getrennt untersuchter Forschungsfragen im Rahmen der Environmental Humanities ermöglicht (Ursula Heise), oder es wird als (Mit-)Ursache sowie Effekt eines "New Ecological Paradigm" (Erich Hörl) betrachtet, dessen Emergenz sich gegenwärtig disziplinübergreifend vollzieht.

Im Rahmen des literaturwissenschaftlich fundierten Ecocriticism stellt das Anthropozän die Möglichkeit in Aussicht, die ökokritische Theoriebildung im Anschluss an den material turn (Serenella Iovino) in eine funktionierende neue Praxis zu übertragen (Timothy Clark) oder der Analyse der Klimawandel-Literatur im Sinne einer "Anthropocene Fiction" eine aktualisierte Prämisse voranzustellen (Adam Trexler). In stratigraphischer Hinsicht macht es das Anthropozän erstmals erforderlich, den auf die tiefenzeitliche Vergangenheit gerichteten Blick um eine spekulative, von der Zukunft in die Gegenwart gerichtete Perspektive zu erweitern (Jan Zalasiewicz). Ähnlich wie Isabelle Stengers, die das Anthropozän mit Bezug auf James Lovelocks und Lynn Margulis' Gaia-Hypothese als "intrusion of Gaia" und somit als radikalen Zusammenbruch des konventionellen Natur-Begriffs versteht, nimmt auch Bruno Latour das Anthropozän zum Anlass einer Aktualisierung der kybernetischen Gaia-Theorie und weist ihr in diesem Zusammenhang einen vergleichbaren Stellenwert zu wie den großen Umbrüchen infolge der Erkenntnisse Galileis, Darwins und Freuds.

Angesichts der Auflösung eines konventionellen Natur-Begriffs steht für Latour die wissenschaftliche Objektivität selbst auf dem Spiel, und mit ihr das (natur-)wissenschaftliche Selbstverständnis. Der Historiker DipeshChakrabarty argumentiert, man müsse die Parameter der Geschichtsschreibung grundlegend überdenken, weil die Trennlinie zwischen Natur- und Menschheitsgeschichte nunmehr durchbrochen sei. Auch der Medientheoretiker Jussi Parikkaverortet seine Überlegungen zur Synthese zwischen Technologie und Natur ("medianatures") im Anthropozän-Kontext und leitet aus diesem die Notwendigkeit ab, die Materialität neuer Medientechnologien in einem tiefenzeitlichen Maßstab zu betrachten.

Neologismen wie "Technozän" (Peter Sloterdijk), "Capitalocene" (Jason Moore u.a.), "Thanatocene" (Christophe Bonneuil, Jean-Baptiste Fressoz) oder "Chthulucene" (Donna Haraway) sind zwar vordergründig als Alternativbegriffe zum Anthropozän, und somit als eher kritische Interventionen zu begreifen, beziehen sich  aber zugleich auf das Lexem "-cene"/"-zän" zurück und instrumentalisieren so bewusst den Anthropozän-Kontext, um bestehende Diskurse neu zu verhandeln.

In jedem der hier angeführten Beispiele bringt die Einbindung des Anthropozän-Konzepts in den disziplinären Forschungszusammenhang das Streben zum Ausdruck, bestehende Muster, Paradigmen und Diskurse aufzugreifen und in einen neuen Kontext zu setzen. Damit scheint dem Anthropozän-Konzept die Besonderheit inhärent, quer zu den operativen Zusammenhängen der traditionellen wissenschaftlichen Disziplinen die Notwendigkeit und Möglichkeit von Grenzüberschreitung, Veränderung und 'Neuheit' zu implizieren. Von einem "anthropocenic turn" auszugehen bedeutet in diesem Sinne nicht zwingend, das Anthropozän als konstruktiven Forschungsgegenstand aller Wissenschaftsdisziplinen auszurufen als vielmehr, eine Kartographie jener komplexen Bedingungen zu erstellen, unter denen das Anthropozän von einem geologischen zu einem inter- und transdisziplinär rezipierten Index geworden ist, der zur Grenzüberschreitung, Kooperation und Vernetzung der Disziplinen herausfordert.

Ziel der Tagung ist es, im interdisziplinären Dialog zwischen ForscherInnen aus den Bereichen Geologie und Erdsystemwissenschaft, Technikgeschichte und Wissenschaftstheorie, Literatur- und Kulturwissenschaft, Geschichts-, Sozial-, und Politikwissenschaft, Medienwissenschaft und Philosophie eine Antwort auf die provokant formulierte Frage nach einem "anthropocenic turn" zu suchen. Eine solche Fragestellung fußt jedoch nicht auf der Annahme, dass ein turn ausnahmslos als sinnvolle Entwicklung anzunehmen wäre. Vielmehr widmet sich die Tagung der Frage nach der möglichen (gegenwärtigen oder zukünftigen) Existenz eines "anthropocenic turn" aus einer Metaperspektive, indem sie sowohl die disziplinspezifischen als auchübergreifenden Forschungszusammenhänge erkundet, in deren Rahmen das Anthropozän in großem Maßstab zum Motor einer Neuverhandlung wissenschaftlicher Grundannahmen wird. 

Anmeldung

Aus organisatorischen Gründen bitten wir interessierte Gäste um eine Anmeldung bis zum 31. August 2018 per E-Mail an Opens window for sending emailphilip.huepkes[at]uni-vechta[dot]de.

Teilnahmegebühr: 15,00 Euro (inkl. Kaffeepausen, vor Ort bezahlen)

Organisation


Gabriele Dürbeck, Professorin für Literatur und Kulturwissenschaft an der Universität Vechta

Opens window for sending emailgabriele.duerbeck[at]uni-vechta[dot]de

Tel.: +49 4441 15-415 oder -385 (Sekretariat)

Link: Opens internal link in new windowhttps://www.uni-vechta.de/germanistik/lehrende/duerbeck-gabriele/


Philip Hüpkes, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Projekt "Narrative des Anthropozän in Wissenschaft und Literatur. Themen, Strukturen, Poetik"

Opens window for sending emailphilip.huepkes[at]uni-vechta[dot]de

Tel.: +49 4441 15-139 oder -385 (Sekretariat)

Link: Opens internal link in new windowhttp://www.uni-vechta.de/anthropozaen


Studentische Hilfskräfte:

Frederik Iven

Anna-Louise Weßling