Viel Segen und ein wenig Fluch

Beim MuseumsTalk diskutierten (v.l.) Prof. Dr. Martin K. W. Schweer, Christoph Koch, Katharina Nocun und Staatssekretär Stefan Muhle unter Leitung von Moderator Uwe Haring (r.).

Kleines Jubiläum beim MuseumsTalk: Zum 15. Mal luden Universität Vechta und Museum im Zeughaus zur Talkrunde in die Räume des Museums. Trotz plötzlichen Schneefalls fanden 60 Gäste den Weg zur Zitadelle, um der von Uwe Haring moderierten Runde zu „Völlig vernetzt? Fluch und Segen der Digitalisierung“ zu lauschen.

Mündige Bürgerinnen und Bürger, Datenschutz und Datensicherheit, Medienkompetenz, Self-Tracking, neue Jobprofile – viele buzz words fielen während der Diskussionsrunde. Sie zeigten, dass es „die eine“ Digitalisierung nicht gibt. Vielmehr sei jede Branche und jeder Lebensbereich betroffen, mit den jeweils eigenen Anforderungen.

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Dass man auch gut offline sein kann, verkörperte Journalist und Buchautor Christoph Koch. Er hatte das Online-Fasten 40 Tage praktiziert – und überlebt. „Man verpasst weniger, als man denkt.“ Trotz erfolgreichem Selbst-Experiment sah er aber auch Vorteile von Online-Diensten wie etwa das Monitoring von Vitalfunktionen oder Ernährungsgewohnheiten. „Das hat schon nachhaltig Veränderungen bewirkt.“

Vorteile bei solchen Diensten sah auch Katharina Nocun, Netzaktivistin, Bloggerin und ehemalige Politikerin. Gleichzeitig warnte sie davor, Daten zu unbedarft preiszugeben. Die Verknüpfung der Dienste untereinander sei sehr viel umfangreicher, als man als Nutzerin oder Nutzer glaube. Betrachte man die Datenspuren einzelner Dienste, ließe sich daraus allzu leicht ein psychologisches Profil des Menschen erstellen. Deswegen plädiere sie für ein „privacy by design“, die Voreinstellung der Privatsphäre sei so, dass Daten nicht mit Unternehmen geteilt würden. Das war auch ihr Credo für die Digitalisierung als Gesamtprozess: „Wir dürfen es nicht Unternehmen überlassen, die Regeln für unseren digitalen Lebensraum aufzustellen.“

Für die Politik sprach an diesem Abend Stefan Muhle, Staatssekretär im Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung. Er verwies auf die Herausforderung, „dass wir uns auf das Tempo der Digitalisierung einstellen müssen.“ In vielen Bereichen gehe es in Niedersachsen und auch Deutschland darum, erst einmal aufzuholen. Es könne kein Ziel sein, vorne mitzumischen bei Themen wie Künstlicher Intelligenz, da seien andere Länder schlicht weiter. Gleichzeitig könnten die Kommunen nicht darauf warten, dass es Lösungen auf Bundesebene gebe. Und für den geforderten mündigen und verantwortungsvollen Umgang mit neuen Diensten oder Techniken müsse es die entsprechenden Bildungsansätze geben.

Dies forderte auch Prof. Dr. Martin K. W. Schweer, Professor für Pädagogische Psychologie an der Universität Vechta und Leiter des Zentrums für Vertrauensforschung. Es gebe eine Grenze, wo die Nutzung von Online-Diensten oder Self-Tracking von nützlich zu schädlich umschlage. Auch die Medienkompetenz gelte es zu schulen, damit Nutzerinnen und Nutzer Online-Quellen nicht blind vertrauten. Zuletzt sei es wichtig, alle Teile der Gesellschaft mitzunehmen: „Die größte Herausforderung der Digitalisierung besteht darin, für alle Teile der Gesellschaft Bereitschaft und Fähigkeit für einen mündigen Umgang mit dieser Innovation voranzutreiben.“ Beispielhaft dafür sei auch das Forschungsprojekt LIKE!, an dem er gemeinsam mit Kolleg_innen der Universität Vechta, der Stadt Vechta und internationalen Projektpartner_innen arbeite. Hier gehe es darum, in der öffentlichen Verwaltung eine digitale Innovationskultur zu entwickeln: Also die Bereitschaft von Beschäftigten der Verwaltungen, digitale Services einzusetzen, und gleichzeitig das Vertrauen der Bürger_innen darin zu stärken.