Prof. Dr. Karl-Heinz Breier spricht im Interview über die Möglichkeiten von politischer Bildung / Neue digitale Veranstaltungsreihe

Karl-Heinz Breier ist Professor für politische Bildung an der Universität Vechta.

Die Demokratie gilt als "komplizierte" Regierungsform. Können Sie das erläutern?

In der Tat, eine Demokratie ist eine komplizierte und vor allem auch anspruchsvolle Regierungsform. Manche sprechen auch von einer Herrschaftsform, eben von Herrschaft des Volkes. Aber da halte ich es mit Dolf Sternberger: „Regierung ist nicht Herrschaft.“ Wir Bürgerinnen und Bürger regieren uns selbst; wir beherrschen uns doch nicht wie Tyrannen ihre Sklaven oder Obertanen ihre Untertanen. Sosehr wir als Personen alle ungleich und verschieden sind, in unserer Bürgerexistenz sind wir politisch Gleiche. Dieses Recht garantieren wir uns mit unserer gemeinsamen Verfassung, unter der wir alle leben. Sie schützt uns alle, ja selbst den Verfassungsfeind schützt sie vor angemaßter Herrschaft. Als repräsentative Demokratie ist sie eine Ämterordnung und diese politische Ordnung lebt von anvertrauter Macht. Wir vertrauen uns öffentliche Ämter an. So haben wir in unserer Bundesrepublik mehrere Millionen Amtsinhaber. Von der Ministerpräsidentin bis zum Landrat, vom Hausmeister einer Schule bis zur Sachbearbeiterin im Bürgeramt, halt vom Klassensprecher bis zu einer Bundespräsidentin. So beraten und verabschieden die von uns gewählten Repräsentanten in unseren Parlamenten unsere Gesetze, und auf der Grundlage dieser Gesetze handeln alle Amtsinhaber, jeder in seinem klar umrissenen Kompetenzbereich. In meisterhafter didaktischer Reduktion schreibt Aristoteles in seinem Lehrbuch der Politik: „Eine Polis ist eine Ordnung der Ämter hinsichtlich der unterschiedlichen Kompetenzen.“

Wie können Werte und Ideen der Demokratie in Schulen und darüber hinaus vermittelt werden?

Am besten existenziell und immer wieder exemplarisch. Es reicht nicht aus, nur zu wissen, dass wir 16 Bundesländer haben und unsere Bundesrepublik in 299 Wahlkreise unterteilt ist. Demokratie als uns Menschen würdige Lebensform muss erlernt, verstanden und eingeübt werden. Und dies betrifft uns alle als gesamte Bürgerschaft. Schulen leisten da einen wichtigen Beitrag, aber unser gesamtes öffentliches Leben ist gefordert, Politik immer und immer wieder transparent zu machen, gute Gründe zu benennen, ernsthaft zu diskutieren, gewissenhaft zu beratschlagen und für die getroffenen Entscheidungen um Zustimmung zu werben. Und sollten Schülerinnen und Schüler in solch einem von Bürgerrespekt geprägten Klima lernen, sich zunehmend selbst als Handelnde wahrzunehmen, deren Stimme zudem wichtig ist, so kann ihnen ihre zukünftige Bürgerexistenz zur zweiten Natur werden.

Inwieweit ist politische Bildung in den vergangenen Jahren komplexer/schwieriger geworden und wie sehen Sie dabei die Lehrer*innen-Rolle?

Ohne Zweifel fasziniert die moderne Medienwelt, in die Heranwachsende ein- oder auch abtauchen, und manch einem dient sie gleichsam als Parallelwelt. Angesichts dieser Herausforderung, die Urteilskraft von Heranwachsenden zu stärken und deren Realitätssinn trotz einer Flut von Hate-Speech, Fake-News und Verschwörungsphantasien zu fördern, verlangt engagierten Lehrkräften viel ab. Auch da sind wir als Erwachsene allesamt gefordert, den Jugendlichen bei ihrer Einbürgerung in hoffentlich ihre Republik behilflich zu sein. Es geht darum, die Enge einer bloßen Privatperspektive auf das eigene Leben zu überwinden und sich in politisches Denken einzuüben.

Ein konkretes Beispiel bitte:

Wenn ein Neuntklässler, vielleicht provozierend, sagt: „Ich zahle ja noch keine Steuern, und mein Leben hat sowieso nichts mit Politik zu tun“, so kann man diese Äußerung zum Anlass nehmen, über konkrete Fragen und Beispiele Grundlegendes ins Gespräch zu bringen, in etwa: Was ist mit Deinen Adidas Sportschuhen und mit Deinem Müsliriegel, welche Steuern zahlst Du darauf? Aus welchen Steuern wird hier unsere schön geheizte Schule finanziert? Wer bezahlt mich als Lehrer? Also welche Steuerarten gibt es, welche Gebietskörperschaft erhält in unserem föderalen politischen System welche Steuergelder? Was ist Föderalismus? Wer macht die Gesetze? Wer wählt die Gesetzgeber? Was darf ein Gesetzgeber und was nicht? Was sind Grundrechte? Was ist ein Verfassungsstaat, was eine Diktatur, Anarchie usw? Und jetzt frag doch bitte unseren Neuankömmling in der Klasse, warum sie aus Syrien geflohen ist. Unser gesamtes Leben, sogar das höchst Private, ruht auf Politik auf und hängt von politischen Entscheidungen ab, in der Zuspitzung über Krieg und Frieden. Aber jenseits dessen lädt eine Demokratie doch jeden zum Mitmachen ein: zu Politik als Tätigkeit freier Menschen.


Das Opens external link in new windowKompetenzzentrum für regionale Lehrkräftebildung an der Universität Vechta veranstaltet im Rahmen der Niedersächsischen Landesinitiative „Demokratisch gestallten“ die digitale Veranstaltungsreihe „Ich – du – wir. Demokratie geht nur gemeinsam!“ Vom 20. Oktober bis zum 7. Dezember präsentiert die Institution des Opens external link in new windowZentrums für Lehrerbildung monatlich ein Vortrags- und Workshopangebot, mit dem Lehrkräfte, schulisches Personal und Studierende durch Informationen, Hilfen und Unterstützung dazu befähigt werden sollen, Schule als Ort von demokratischer Bildung zu stärken. Mehr Informationen und Anmeldung: Opens external link in new windowwww.uni-vechta.de/demokratiegehtnurgemeinsam