Öffnung von Kindertagesstätten: Ein Kommentar von Prof.in Dr.in Anke König

Professorin Anke König leitet an der Universität Vechta den Arbeitsbereich Frühpädagogik. (Foto: Deutsches Jugendinstitut e.V., München)

Opens external link in new windowAnke König – Professorin für Allgemeine Pädagogik mit Schwerpunkt Frühpädagogik:

Pandemien fordern Solidarität. In den letzten Monaten konnten wir erleben, was das heißt. Um die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Erkrankung zu verlangsamen, braucht es das Zusammenwirken von Allen. Persönliche Anliegen sind in den Hintergrund gerückt. Es ist erfreulich, dass sich die Politik und große Teile der Gesellschaft in diesen unsicheren Zeiten am Rat der Wissenschaft – vorneweg der Virologen*innen und Epidemiologen*innen – orientieren und sich damit auch auf eine gemeinsame Erkenntnissuche begeben. Wohlwissend, dass in der Wissenschaft die Dinge im Fluss sind. Diese Sensibilität hat die Gesellschaft zunächst vor einer großen humanen Katastrophe bewahrt.

Gerade diese gewonnene Sensibilität hätte auch erwarten lassen, dass die darauffolgenden Öffnungen umsichtig gestaltet werden. Krisen bringen aber Sollbruchstellen zu Tage. Die Opens external link in new windowNationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina legte am 13. April 2020 ihre Stellungnahme „Coronavirus-Pandemie – Die Krise nachhaltig überwinden“ vor. Sie erhebt den Anspruch, auch eine pädagogische Perspektive einzubeziehen – es geht um die Öffnung des Bildungssystems. Aber schon auf Seite zwei wird deutlich – dass „die Jüngeren“ hier nicht dabei sein werden. Sie brauchen „persönliche Betreuung, Anleitung und Unterstützung“, daher werden „zuerst Grundschulen und die Sekundarstufe I wieder schrittweise geöffnet“. Darauffolgend wird dann auch klar, auf welchen Annahmen diese Maßnahmen gründen: „Da kleinere Kinder sich nicht an die Distanzregeln und Schutzmaßnahmen halten können, gleichzeitig aber die Infektion weitergeben können, sollte der Betrieb in Kindertagesstätten nur sehr eingeschränkt wiederaufgenommen werden.“ Hervorgehoben wird – wie im 17. Jahrhundert – die sogenannte Defizitthese. Die frühe Kindheit weist offensichtlich für die Wissenschaftler*innen der Leopoldina einen Mangel an Vernunft auf.

In den letzten Wochen wurde die doppelte Benachteiligung junger Kinder bewusst. Die Forschung weiß kaum etwas über den Verlauf von Corona bei jungen Kindern – im Zentrum der Testungen stehen Erwachsene. Ihre Kontakte zu Gleichaltrigen, zu den Großeltern und Freund*innen wird beschränkt ohne alternative Kommunikationsangebote. Die Maßnahmen führen bei jungen Kindern so tatsächlich zu sozialen Distanzierungen. Ihre Bedürfnisse werden nicht gehört. Teilhabe und Partizipation sind für die jungen Kinder ausgesetzt. 2019 hat Deutschland 30 Jahre Ratifizierung der Kinderrechtskonvention gefeiert – Rechte haben eine juristische und ethische Perspektive. Wie wenig ein Bewusstsein für die Rechte junger Kinder in unserer Gesellschaft verankert ist, wird mit der derzeitigen Krise offenbar.

Von Kindern wird viel Solidarität gefordert. Es darf aber nicht dazu kommen, dass soziale Wärme und Kontakte verloren gehen. In einem seiner Podcasts hat der Epidemiologe Alexander Kekulè eine wichtige Anmerkung gemacht, eine Generation-C(orona) brauche es nicht. Es wird dringend Zeit darüber nachzudenken, welche Folgen mit diesen Maßnahmen verbunden sind. Soziale Verbundenheit ist ein Grundbedürfnis von Menschen. Wer jungen Kindern Distanzregeln gegenüber ihren Freund*innen beibringen will, hat grundlegende Aspekte nicht verstanden. Es geht nicht nur um Schutz und Sorge, sondern auch um Partizipation und Weltaneignung. Junge Kinder sind Teil unserer Gesellschaft und Kindertageseinrichtungen (Kita) sind eine wichtige Infrastruktur. Kita-Besuche dürfen sich nicht nur daran ausrichten, was Eltern und Arbeitgeber*innen wollen, sie haben einen eigenen Wert für junge Kinder! Corona-Zeiten setzen weder die Grundrechte aus - noch unsere Verantwortung.

Es ist wichtig, dass wir über Distanzregeln und Atemmasken hinausdenken, die sind für Jugendliche und Erwachsene. Es braucht keine Atemmasken und soziale Distanz in Kitas. Junge Kinder brauchen für ihre Bildungsprozesse weder Tische noch Stühle. Kinder können sich auch draußen begegnen. Ungewöhnliche Zeiten fordern, bisherige Routinen zu hinterfragen. Eltern, Träger und Kita-Fachkräfte braucht es jetzt besonders, nicht um Maßnahmen akribisch umzusetzen, sondern vor allem um mit den Kindern die nötigen Freiräume wieder zu entdecken, die es für eine gute Zukunft braucht.