„Keiner glaubt uns, was wir selbst nicht glauben“

Das Podium (v.l.): Dr. Andreas Püttmann, Stefan Kliesch, Mechthild Hellbernd, Prof. Dr. Elmar Kos und Moderatorin Dr.in Eva-Maria Streier. (Bild: KFoto/Kokenge)

Gestern (Mittwoch, 6. Juni 2018) luden die Universität Vechta und das Museum im Zeughaus zum 14. gemeinsamen MuseumsTalk Vechta in die Räume des Museums. Rund 70 Zuhörer_innen folgten der Einladung trotz hochsommerlicher Temperaturen und hörten, was die Podiumsgäste aus Schule, Verbänden, Wissenschaft und Medien über „Glaube als Fundament? Zur Wirkkraft in Kirche, Gesellschaft und Politik“ zu sagen hatten. Den Abend moderierte Dr.in Eva-Maria Streier, Wissenschaftsjournalistin aus Bonn und Mitglied im Hochschulrat der Universität Vechta.

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Zu Beginn der Diskussion stellte Streier zwei Zahlen in den Raum: 36 Prozent der Deutschen sind konfessionslos, den jüngsten Katholikentag in Münster besuchten aber rund 80.000 Menschen, viele Veranstaltungen dort mussten Interessierte wegen Überfüllung abweisen. „Wie geht das zusammen?“

„Glaube ja, Kirche nein“ sei eine populäre Gegenüberstellung, so Prof. Dr. Elmar Kos, Professor für „Systematische Theologie: Moraltheologie“ an der Universität Vechta, diese scheinbar paradoxen Zahlen. Es sei aber wichtiger, in die gesellschaftliche Diskussion die Parteinahme für die Schwachen einzubringen. „Dafür ist der „Apparat Kirche“ wichtig. Dafür ist aber vor allem wichtig, die Kirche als einen Ort des Heils zu leben.“ Die Frage sei „Wovon lassen wir uns eigentlich prägen?“ und seien diese Prägungen gut für den Menschen. Kos bestätigte aber: „Die kirchlich verfasste Form von Religiosität nimmt spürbar ab.“

Dass sich der Umgang mit Religion verändert hat, konnte auch Mechthild Hellbernd aus ihrer Arbeit berichten. Die stellvertretende Schulleiterin der Liebfrauenschule Vechta – einem reinen Mädchengymnasium – erlebe im Religionsunterricht, dass die „Bibel heute fremdes Gebiet“ sei, „junge Frauen waren früher sattelfester im Hinblick auf Religion.“ Gleichwohl nehme sie ein großes Interesse wahr und eine hinterfragende Haltung, beispielsweise zur Rolle der Frau in der Kirche. Im Religionsunterricht an ihrer Schulen – den auch muslimische oder konfessionslose Schülerinnen besuchen – stehe im Vordergrund, biblische Texte mit den Lebenswelten der Mädchen in Verbindung zu bringen. „Ein „Das musst du glauben“ gibt es da nicht“, so Hellbernd, Schule sei ein Ort, an dem diskutiert werden könne und Haltungen geformt würden.

Den Aspekt der „Haltung“ erachtete auch Stefan Kliesch, Referent für Profilbildung, Spiritualität und Ethik beim Landes-Caritasverband für Oldenburg e. V. als fundamental wichtig. In Seminaren und im Umgang mit Beschäftigten der Caritas erlebe er starke kirchliche Prägungen, gleichzeitig aber auch Zurückhaltung und Unsicherheit, wenn es um ein offenes Bekenntnis des Glaubens gehe. Menschen seien ungeübt darin zu sagen „Dafür stehe ich“ und dies auf eine Weise zu tun, die authentisch ist und andere anzieht. „Wir arbeiten daher an Haltungs- statt an Glaubensbekenntnissen.“ Kliesch sah darin ebenfalls eine Transformation weg von der Volkskirchlichkeit hin zu einer mündigen Haltung als Christ.

Dr. Andreas Püttmann, Politikwissenschaftler, Journalist und Publizist aus Bonn, stützte diese Einschätzung. Allerdings könne man den Kirchen nicht die Schuld an sinkenden Mitgliedszahlen zuschreiben, denn die Wirkweise „Der Konsument hat immer recht“ und demnach eine Änderung des Angebots gelte hier nicht. Die Gründe für diese Transformation seien zivilisatorisch und dem Einfluss der Kirche entzogen. Wichtig sei letztlich die Frage „Glaube ich an Jesus?“ und nicht „Bin ich Anhänger der Kirche?“. Es bedürfe, so Püttmann, authentischer existenzieller Aussagen von Menschen und keine Doktrin. Die Kirche müsse hier mehr an einer Kultur der Ermutigung arbeiten, denn: „Keiner glaubt uns, was wir selbst nicht glauben.“