Über das Leben auf dem Land: MuseumsTalk Vechta diskutiert über Landlust und Landfrust

(v.l.) Moderatorin Heike Götz, Dr. Vinzenz Bauer, Caroline Dangel-Vornbäumen, Willi Rolfes, Anne Wilkens-Lindemann und PD Dr. Karl Martin Born. (Bild: Behrens)

Leben auf dem Land: Ist das romantische Idylle oder nach Gülle riechende Realität? Über dieses Spannungsfeld diskutierten am gestrigen Mittwoch, 8. Juni 2016, die Gäste des zehnten MuseumsTalks Vechta vor 70 Gästen im Museum im Zeughaus. Moderiert wurde die Runde von Heike Götz, Moderatorin der "Landpartie" im NDR-Fernsehen.
Dr. Vinzenz Bauer, Fachreferent Markt bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, betonte in seinem Eingangsstatement den wirtschaftlichen Aspekt von Landleben: "Landwirtschaft ist ein Wirtschaftsfaktor und prägt die Landschaft." Gleichzeitig stellte er fest, dass der Großteil der Landbevölkerung nicht mehr in der Landwirtschaft arbeite. Damit hatte er einen entscheidenden Aspekt des Landlebens angeschnitten: Die Vereinbarkeit von attraktiven Arbeitsplätzen mit dem idyllischen, ruralen Leben.

Dies bestätigte PD Dr. Karl Martin Born vom Institut für Strukturforschung und Planung in agrarischen Intensivgebieten der Universität Vechta. In vielen ländlichen Regionen sei das Arbeitsangebot nicht entsprechend dem Level von gut ausgebildeten Fachkräften. Hinzu komme die Infrastruktur, die ein Arbeiten von zu Hause aus manchmal schwierig mache. Born führte aber auch Vorteile des Ländlichen Raums an: Wohnraum sei in der Regel unproblematisch, das soziale Klima in Kleinstädten ein attraktiver Pluspunkt, der Menschen anziehe.

Dem schloss sich Willi Rolfes, geschäftsführender Direktor der Katholischen Akademie Stapelfeld, an: Der Ländliche Raum mit seiner Weite signalisiere "da ist Platz", so der Naturfotograf. Auch im übertragenen Sinne: Das Landleben biete Platz für den eigenen Raum und seine Gestaltung, sei es im Wohnraum oder den kulturellen und sozialen Strukturen. Seiner Meinung nach sei dieses Bedürfnis nach Kleinheit und Idylle eine Folge der immer enger zusammenwachsenden Welt der Globalisierung.

Anne Wilkens-Lindemann, Bürgermeisterin der Gemeinde Colnrade in der Samtgemeinde Harpstedt, berichtete Ähnliches aus ihrer Gemeinde: Es gebe ein reges Vereinsleben, das die kulturelle und soziale Komponente des Dorfes extrem bereichere. Dies sei wichtig, das Landleben ist auf die Aktivität der Einzelnen angewiesen, so Wilkens-Lindemann. Eine Delegation aus Japan, die kürzlich Colnrade besuchte, zeigte sich vom dörflichen Leben in ihrer Gemeinde sehr beeindruck; die Mitbestimmungsstrukturen dort unterscheiden sich dahingehend sehr von Deutschland, so die Experten.

Eine Möglichkeit der Gestaltung des Landlebens bieten auch die Landfrauen, für die Caroline Dangel-Vornbäumen, Referentin für ländliche Räume, Verbraucherpolitik und Hauswirtschaft und stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des Deutschen LandFrauenverbands e.V., sprach. Die Landfrauen seien ein Verein, der dafür stehe, Verantwortung zu übernehmen. Dies geschehe in der Regel im Ehrenamt und würde an mancher Stelle auch die Daseinsfürsorge übernehmen, die die Infrastruktur des Ländlichen Raums nicht mehr leisten könne, so die Berlinerin.

Insgesamt war sich das Podium einig, dass das Landleben Sonnen- und Schattenseiten habe. Es brauche innovative und kooperative Lösungen, um Ländliche Räume auch in Zukunft lebensfähig zu halten und beispielsweise infrastrukturelle Nachteile auszugleichen.