Europa im Blick – Das 29. Trinationale Kolloquium in Brüssel

Das Trinationale Kolloquium im Europäischen Parlament – in der Mitte die Abgeordnete Lena Düpont

Knapp 50 Studenten und Studentinnen der Germanistik aus Angers, Zielona Góra und Vechta traten Mitte November die fünftägige Reise in die inoffizielle Hauptstadt der Europäischen Union an. Unter der Leitung von Prof. Dr. Claus Ensberg hatte ein Seminar in Vechta das Kolloquium vorbereitet, das seit 1990 jährlich nach trinationalem Rotationsprinzip ausgerichtet wird.

Im Mittelpunkt stand die Arbeit an Texten, die in der Diskussion über das europäische Projekt unterschiedliche Akzente setzen. Der französische Philosoph François Jullien etwa hält den Begriff der kulturellen Identität für überholt und regt zur Suche nach dem Gemeinsamen an, das der Vielfalt der Kul¬turen zugrundeliege. Der österreichische Autor Robert Menasse tritt für ein nachnationales Europa der Regionen ein. Und Stefan Chwins essayistische Prosa enthält Beobachtungen aus polnischer Sicht zum politischen und Alltagsleben in Deutschland. Mit Blick auf Europa porträtiert er (selbst-)kritisch das Verhältnis beider Länder. Die Lektüre und Deutung der Texte im Rahmen des Kolloquiums sorgte nicht nur für einen Zuwachs an Kenntnissen und Fertigkeiten in der Fremdsprache Deutsch auf polnischer und französischer Seite, sondern eröffnete auch Möglichkeiten der trinationalen Diskussion gesellschaftlicher, kultureller, politischer Fragen. Dass es zu einer Ost-West-Begegnung unter didaktischen, aber eben auch unter grenzüberschreitend-sozialen Aspekten kommt, zeichnet das Kolloquium aus.

Überdies wurde Europa durch gleich zwei Gespräche mit Abgeordneten des Europäischen Parlaments zum Thema. Axel Voss, der als Berichterstatter des Parlaments zur Reform des Urheberrechts im Internet (‚Artikel 13‛) europaweit Bekanntheit erlangte, und Lena Düpont, die erst seit der letzten Wahl als eine der jüngsten Abgeordneten einen Sitz im Parlament innehat, nahmen sich ausgiebig Zeit. Sie gingen auch heiklen Fragen, etwa bezüglich der Einordnung der Kanzlerschaft Angela Merkels, des Einsatzes von Uploadfiltern, des Umgangs mit der Umweltproblematik durch die ‚Altparteien‘, nicht aus dem Wege. Zudem stattete das Kolloquium der Vertretung des Landes Niedersachsen bei der Europäischen Union einen längeren Besuch ab, so dass auch dort die Universität Vechta im Verbund mit den beiden Partneruniversitäten in Erscheinung trat.

Abgerundet wurde der erkenntnisreiche Aufenthalt durch den Besuch eines Konzerts im schönen Jugendstil-Konzertsaal der Stadt und einer Bruegel-Ausstellung, die, ohne ein Original des Meisters zu zeigen, durch die multimediale Projektion seiner Bilder auf Großleinwände das Schauen lehrt – und so in Kunstwelten hineinführt und über sie hinausweist. Ein Fazit der Studenten und Studentinnen: Brüssel ist nicht nur in politischer, sondern auch in kultureller Hinsicht Hauptstadt.