Antibiotikaeinsatz bei Mensch und Tier noch ganzheitlicher betrachten

One-Health Fachsymposium zur Antibiotikaanwendungssituation 2018 in Melle.

Die Antibiotikaanwendungssituation bei Mensch und Tier ist weiterhin ein hochaktuelles Thema. Am 18. September fand dazu in Melle das zweite One-Health Symposium statt. Die Veranstaltung setzt die Reihe zur Antibiotika-Einsatz-Optimierung fort, die im vergangenen Jahr in Vechta begonnen hat. Dazu eingeladen haben die Hochschule Osnabrück, das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES), die Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover sowie die Koordinierungsstelle „Transformationsforschung agrar“ in Vechta. Rund 100 Fachleute aus Human- und Tiermedizin sowie aus Wissenschaft und öffentlicher Verwaltung diskutierten über Ansätze, wie der Antibiotikaeinsatz zur Behandlung bakterieller Infektionskrankheiten noch weiter verbessern werden kann. Im Mittelpunkt standen dabei Ansätze, wie ein effizienteres Gesundheits- und Hygienemanagement in Arztpraxen, Kliniken und Ställen gelingen kann. Ein besonderes Augenmerk richtete sich auch auf Umweltaspekte der Antibiotikaanwendung.

In der Tagung wurde ausgelotet, welche Auswirkungen die bisherigen Bemühungen zur Optimierung des Antibiotikaeinsatzes bisher gezeigt haben, und welche weiteren Aufgaben noch erledigt werden müssen. In seiner Einführung betonte der Präsident des Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES), Prof. Dr. Eberhard Haunhorst, die Bedeutung ganzheitlicher Ansätze zur Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen „Resistenzen können dazu führen, dass Antibiotika zur Behandlung von bakteriellen Infektionen bei Mensch und Tier wirkungslos werden. Es ist daher eine gemeinsame Aufgabe der Human- und Veterinärmedizin zur Bekämpfung von Resistenzen beizutragen. Denn es gibt nur eine Gesundheit.“

Diese Ansicht unterstützten auch die anwesenden Fachleute. Sie waren sich darin einig, dass die Gesundheit von Mensch und Tier nicht mehr unzusammenhängend betrachtet werden dürfe. Besonders unterstrich das Prof. Dr. Karsten Becker. Der leitende Oberarzt im Institut für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums Münster der Westfälischen Wilhelms-Universität zeigte anschaulich, wie vielfältig und flexibel, aber auch wie gefährlich der Austausch von Mikroorganismen bei der Überwindung von Wirts- und Lebensraumgrenzen für Mensch, Tier und Umwelt sein kann. „Mikroorganismen und ihre Resistenzeigenschaften kennen keine Grenzen, weder staatlicher noch organisatorischer Natur. Die vielfältigen Austauschmechanismen und Wechselwirkungen müssten zukünftig noch besser verstanden werden, um die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt auch weiterhin zu gewährleisten."


Mit dem One-Health-Ansatz zu ganzheitlichen Gesundheitsstrategien finden

Aber nicht nur die Erkenntnisse im Kleinen, das heißt auf mikrobiologischer Basis, spielen eine Rolle: Das große Ganze dürfe nicht aus den Augen verloren werden. Dies betonte die Nutztier-Epidemiologin und Geschäftsführerin des Verbundes zur Forschung über den Wandel in der Agrar- und Ernährungswirtschaft in Niedersachsen, Dr.in Barbara Grabkowsky.  „Wer gesund bleibt, muss erst gar nicht behandelt werden. Neben einem verantwortungsvollen Umgang beim Einsatz von Antibiotika zur Bekämpfung von Infektionen sind Vorsorgemaßnahmen von besonderer Bedeutung.  Dazu gehören Management- und Hygienemaßnahmen im Krankenhaus, den Arztpraxen und im Stall. Hier sind wir noch nicht am Ende. Es gibt noch Luft nach oben.“

Dennoch hat es in den vergangenen Jahren nachweislich Erfolge bei der Verminderung von Antibiotikabgaben in der Tierhaltung gegeben. Aber nicht jede Verminderung von Arzneimittelgaben sei auch zielführend. Darauf wies Prof. Dr. Robby Andersson, Lehrstuhlinhaber für Tierhaltung und Produkte an der Hochschule Osnabrück, hin: „Der radikale Verzicht auf Arzneimittel dient weder der Tiergesundheit, dem Tierwohl oder der Lebensmittelsicherheit.“ Aber auch Andersson sprach sich für ein umfassendes vorbeugendes Gesundheitsmanagement aus und schlug vor, besondere Überwachungssysteme so zu etablieren, dass rechtzeitig die richtigen Maßnahmen eingeleitet werden könnten, aber auch deren Erfolg oder Misserfolg erfasst werden könne. Auf diesem Wege könne der Arzneimitteleinsatz in der Tierhaltung noch weiter optimiert werden.


Umweltaspekte stärker berücksichtigen

Dass auch der Umwelt im Rahmen des One Health-Ansatzes Aufmerksamkeit geschenkt werden muss, verdeutlichte Prof. Dr. Robert Kreuzig vom Institut für Ökologische und Nachhaltige Chemie der Technischen Universität Braunschweig.  So zählen heute in Human- und Veterinärmedizin verabreichte Antibiotika aufgrund der von diesen ausgelösten Antibiotika-Resistenzen zu den meist beachteten Mikroschadstoffen, für die es flächendeckend weder in kommunalen Kläranlagen noch in landwirtschaftlichen Betrieben effektive Eliminationstechnologien gibt. Deswegen sind die mittlerweile angelaufenen Maßnahmen zum verminderten Antibiotika-Einsatz auch für die Umwelt von entscheidender Bedeutung.

Im Schlusswort der Veranstaltung sagte Prof. Dr. Thomas Blaha von der Tierärztlichen Hochschule Hannover mit Blick auf den in den letzten Jahren aufgebauten Bestand an Daten zur Antibiotikaanwendung: „In den letzten Jahren wurde Großes erreicht. Der Kreis schließt sich. Die von Human- und Veterinärmedizin erfassten Daten müssen jetzt, z.B. in Big Data basierten Systemen, zusammengeführt werden.“ Der One-Health-Ansatz liefere dafür den passenden ganzheitlichen Rahmen. Hier seien Forschung, Politik und Wirtschaft weiter gefordert.


Kontakt

Koordinierungsstelle "Transformationswissenschaft agrar"
Dr.in Barbara Grabkowsky
Fon +49.(0) 4441.15 287
barbara.grabkowsky@uni-vechta.de
www.uni-vechta.de/koordinierungsstelle