Anfangen, sich trauen, individuell entscheiden

Die Organisator*innen und Referent*innen der Podiumsdiskussion (v.l.) Dr. Niels Logemann (Kompetenzzentrum für Lehrer*innenfortbildung), Erster Kreisrat Hartmut Heinen, Studentin Kim-Janine Nolting, Arzt Albert Storcks, Dr.in Berit Blanc (mmb Institut Gesellschaft für Medien- und Kompetenzforschung), Schulleiter Jürgen Schiering, Prof.in Dr.in Julia Knopf (Universität des Saarlandes), Maik Riecken (Medienzentrum Cloppenburg), Lehrerin Juliane Berding, Moderator Dr. Patrick Diemling, Lehrer Jörg Kaletta und Dr.in Johanna Schockemöhle (Zentrum für Lehrer*innenbildung). (Foto: Jannis Krone)

Brauchen wir künftig noch Kreidetafeln in Schulen? Talkgäste und Zuhörerschaft der Podiumsdiskussion „Das Ende der Kreidezeit?“ gestern im Gymnasium Lohne waren zwiegespalten. Zu der Diskussion eingeladen hatten das Zentrum für Lehrer*innenbildung und das Kompetenzzentrum für Lehrer*innenfortbildung der Universität Vechta in Kooperation mit dem Gymnasium Lohne. Rund 120 Gäste, darunter Lehrkräfte und Eltern, aber auch Schüler*innen und Studierende, waren in die Schulaula gekommen.

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Moderator Dr. Patrick Diemling, selbst ehemaliger Lehrer, führte in den Abend ein. Drei Schwerpunkte kündigte er an: Die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und die Auswirkungen digitaler Medien darauf, die Hürden bei der Umsetzung von Digitalisierung sowie Didaktik und Methodik.

Nach einer kurzen Begrüßungsrunde mit dem Ersten Kreisrat Hartmut Heinen als Träger des Gymnasiums Lohne, dessen Schulleiter Jürgen Schiering sowie Universitätspräsident Prof. Dr. Burghart Schmidt folgte das Impulsreferat von Prof.in Dr.in Julia Knopf von der Universität des Saarlandes „Konkret. Digital. Innovativ“. Um digitales Lernen in alle Bildungsbereich integrieren zu können, so Knopf, seien drei Voraussetzungen nötig: Erstens die gesellschaftliche Akzeptanz, der Mut sich zu öffnen, zum Ausprobieren und dem Abbau von Vorurteilen. Zweitens die Einführung verbindlicher Bildungsstandards und Lehrpläne, sowie drittens auf inhaltlicher Ebene die Implementierung fachspezifischer Lehr- und Lernangebote, die qualitätsgesichert in die Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften eingehen müssen. Bei all dem gehe es aber auch immer „um eine sinnvolle Kombination analoger und digitaler Methoden.“ Ein Angebot sollte immer nach seinem Wert beurteilt werden, nicht ausschließlich nach dem Grad der Innovation.

In der anschließenden Podiumsdiskussion tauschte sich Julia Knopf mit weiteren Gästen aus Bildung und Medizin aus. Aufgelockert wurde die Runde durch Statements von Schüler*innen, Lehrerinnen und einer Elternvertreterin, die teils per Video eingespielt wurden. Dr.in Berit Blanc, wissenschaftliche Mitarbeiterin am mmb Institut Gesellschaft für Medien- und Kompetenzforschung, plädierte dafür, Medien als Lernwerkzeuge zu begreifen und sie mit einer Bedeutung zu belegen. „Dadurch haben wir die Möglichkeit anzuknüpfen an den Alltag der Schülerinnen und Schüler.“ Dies unterstrich Maik Riecken, medienpädagogischer Berater für digitale Medien im Medienzentrum Cloppenburg. Der Mehrwert digitaler Medien entstehe dadurch, etwas Neues zu können. Mit einmaligen Fortbildungen sei es nicht getan, um die Digitalisierung zu fassen und anzuwenden. Es handele sich vielmehr um einen Prozess.

Diesen Prozess sah auch Schulleiter Jürgen Schiering. Er berichtete aus der Arbeit am Gymnasium, in der verschiedene Methoden mit digitalen Medien ausprobiert würden. Da müsse man auch Mut haben und sich trauen, denn die Kompetenzen, die die Schüler*innen künftig benötigten, seien noch nicht bekannt: „Wir müssen unsere Schüler ausbilden für Berufe von denen wir noch nicht wissen, welche das sind.“ Beim richtigen Umgang mit digitalen Medien seien aber Schule und Elternhaus gleichermaßen gefragt, so Schiering. Das sah auch Albert Storcks so, Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin mit dem Schwerpunkt Kinderneurologie. Die Digitalisierung gehe bereits im Kinderzimmer mit Spielzeug los. Es sei wichtig für Eltern, dies zu reflektieren und bewusst analoge und digitale Medien zu nutzen. Für Schulen, so der Mediziner, böten digitale Medien aber auch große Chance, beispielsweise bei der Umsetzung von Inklusion. 

Das Fazit der Runde: Die Digitalisierung bietet viele Möglichkeiten, die es zu nutzen gilt. Einfach mal anfangen, sich trauen, sich vernetzen sei der richtige Weg, auch, um Anfangsschwierigkeiten wie mangelnde technische Ausstattung zu überbrücken. Letztlich, so die Expertinnen und Experten, sei aber immer eine individuelle Entscheidung nötig, ob digital oder analog der bessere Weg zum Lernen sei. Und: Medienkompetenz sei eine neue Kompetenz, die ursprüngliche Kompetenzen wie Sozial- oder Reflexionskompetenz ergänzt und nicht ersetzt.

Die Podiumsdiskussion wurde als Teil der Reihe „smart life – smart work“ der Universität Vechta veranstaltet. Sie steht unter der Schirmherrschaft von Björn Thümler, Minister für Wissenschaft und Kultur in Niedersachsen. Mehr dazu: www.uni-vechta.de/digitalisierung