Biodiversität braucht bunte Landschaften

Diskutierten über Biodiversität und Landwirtschaft: Prof. Dr. Teja Tscharntke, Dr. Barbara Grabkowsy, Stephanie Strotdrees, Dr. Daniel Lingenhöhl, Staatssekretär Michael Stübgen, Silvia Bender und Prof. Dr. Dr. h.c. Urs Niggli (v. l.) Bildquelle: Anna Fangmann

Wissenschaft, BUND, Politik und Landwirtschaft diskutieren über Chancen für eine Vereinbarkeit von Ackerbau und Artenvielfalt

Die Landwirtschaft der letzten hundert Jahre ist eine Erfolgsgeschichte. Noch nie zuvor wurden so viele gesunde Lebensmittel mit hoher Qualität produziert. Doch die ökologischen Kosten dieser Entwicklung werden immer offenbarer. Wie eine Landwirtschaft aussieht, die dem Artenschutz Rechnung trägt und weiterhin ausreichend hohe Erträge liefert, darüber haben namhafte Fachleute im Rahmen des Herrenhäuser Forums „Mensch-Natur-Technik“ der VolkswagenStiftung am 12.11.2018 in Hannover diskutiert.

Pflanzenschutz und Düngung anpassen

In Deutschland hat die Biodiversität in Form der Artenvielfalt in den letzten 30 Jahren drastisch abgenommen. Prof. Dr. Teja Tscharntke, Abteilung Agrarökologie der Universität Göttingen, thematisierte in seinem Impulsvortrag die Auswirkung der modernen Landwirtschaft auf die vielen Insekten- und Feldvogelarten, die in ihrem Bestand stark geschrumpft bzw. völlig verschwunden sind. Mitverantwortlich dafür sei neben dem übermäßigen Einsatz von Pflanzenschutzmittel und Düngern die Verarmung der Agrarlandschaften. Er sagte: „Es fehlt an naturnahen Lebensraumresten, aber auch innerhalb der landwirtschaftlichen Nutzfläche könnte durch vielfältige Fruchtfolgen und durch kleine Felder, die zum Beispiel eine Ausbreitung von Wildbienen fördern, Einiges zur Förderung der Artenvielfalt erreicht werden“. Tscharntke forderte daher, Pflanzenschutz und die Düngung auf ein absolut notwendiges Maß zu beschränken und die Aufwertung der Agrarlandschaften in der EU-Politik und durch eine entsprechende Biodiversitäts-Zertifizierung zu berücksichtigen. Dazu sollten die Direktzahlungen in der EU Agrarpolitik an ökologische Leistungen gekoppelt werden. Er rief dazu auf, die Landschaft wieder bunt zu gestalten, z.B. durch kleinere Parzellen und lange Fruchtfolgen und durch mehr Randstreifen und Brachen.

Landwirtschaftliche Beratung ausbauen

In einem zweiten Impulsvortrag berichtete Prof. Dr. Dr. h.c. Urs Niggli vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), Schweiz, über alternative Methoden des Nutzpflanzenbaus als mögliche Lösungswege für die Zukunft. Niggli sprach von verschiedenen Einflussfaktoren auf die Artenvielfalt im Kulturland und betonte den positiven Einfluss des Ökolandbaus auf die Biodiversität. Vor allem die Verbesserung von Bodenfruchtbarkeit sowie Bodenaktivität seien eine unbestrittene Stärke des Ökolandbaus im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft. Niggli wies aber gleichzeitig auch darauf hin, dass vor dem Hintergrund der globalen Ernährungssituation die Ernährung von circa 9 Milliarden Menschen im Jahr 2050 mit 100% Ökolandbau nur zu gewährleisten sei, wenn deutlich weniger Fleisch konsumiert und weniger Abfall produziert werde. Eine Schlüsselposition sieht Niggli vor allem in der Beratung der landwirtschaftlichen Betriebe, die es auszubauen gelte. Des Weiteren forderte er dazu auf, die moderne Technik wie die Digitalisierung zur Verbreitung des Ökolandbaus zu nutzen.

Auch Politik und Verbraucher in der Verantwortung

In der anschließenden Podiumsdiskussion führte der parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) Michael Stübgen, MdB, aus, dass sich das Ministerium des Spannungsfeldes zwischen konventioneller Landwirtschaft und zu erreichenden Umweltzielen durchaus bewusst sei. „Wir sind verantwortlich für die Landwirte, arbeiten gleichzeitig mit allen Akteuren daran, Landwirtschaft von morgen auch zukunftsfähig zu gestalten.“ Stübgen erklärte, dass der gute Gedanke des 2013 eingeführten „Greenings“ in seiner Nachhaltigkeitswirkung verbessert werden sollte. Die von der EU-Kommission eingeführten "eco schemes" als neues Instrument zur Bewältigung der ökologischen Herausforderungen könnten die Grundlage dafür sein. Dies seien Programme zur Förderung von Maßnahmen im Sinne des Umwelt- und Klimaschutzes, die aus der ersten Säule finanziert werden sollen, führte Stübgen weiter aus.

Silvia Bender, Abteilungsleitung Biodiversität des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) betonte, dass die Bundesregierung angesichts des dramatischen Artenschwunds und internationaler Verpflichtungen zum Schutz der Biodiversität nicht länger warten dürfe, zielführende Maßnahmen zu ergreifen. Noch in der laufenden Legislaturperiode müsse sie beispielsweise ein ambitioniertes Programm zur Reduktion des Einsatzes von Pestiziden auf den Weg bringen und Instrumente auflegen, um Randstreifen an Wegen und Gewässern, Hecken und andere Strukturelemente zurück in die Landschaft zu bringen.

Des Weiteren wurde auch die Rolle des Verbrauchers diskutiert, der mit jedem Supermarktbesuch entweder konventionelle oder ökologische Produktionsweisen unterstützen würde. Einigkeit herrschte auf dem Podium zu Stübgens Ausage, dass Lebensmittel in Deutschland auch im Europaweiten Vergleich viel zu günstig angeboten werden würden. Weiterer Konsens bestand auch darin, dass jeder Verbraucher weiterhin die Wahl und Entscheidungsfreiheit für den eigenen Ernährungsstil haben sollte – gleichzeitig aber einfach mehr Aufklärung bzw. Information zum Produkt benötige.

Aus der Perspektive der praktischen Landwirtschaft berichtete Stephanie Strotdrees. Die Landwirtin aus Nordrhein-Westfalen ist Mitglied im Präsidium bei BIOLAND. Sie forderte alle Beteiligten dazu auf, gemeinsam Möglichkeiten zur Neugestaltung einer Landwirtschaft von morgen zu finden. „Besonders im Rahmen der Neuausrichtung der GAP 2020, haben wir die Chance europaweit die Landwirtschaft neu auszurichten. Wir sind in einer Position neu gestalten zu dürfen, dies sollten wir nutzen!“, so Strotdrees.

Durch das Programm führte Dr. Daniel Lingenhöhl, Spektrum der Wissenschaft. Organisiert wurde die Veranstaltung der VolkswagenStiftung in Kooperation mit dem Verbund „Transformationswissenschaft agrar“. Der Verbund ist Zusammenschluss aus niedersächsischen Hochschulen und Wirtschaftseinrichtungen, die das Ziel verfolgen, den Wandel in der modernen Land- und Ernährungswirtschaft wissenschaftlich zu begleiten.

Hintergrund Herrenhäuser Forum

Mit drei verschiedenen Schwerpunkten möchte das Herrenhäuser Forum ein breites Publikum für wissenschaftliche Fragen begeistern. Im Forum Mensch-Natur-Technik, einer Kooperation mit Spektrum der Wissenschaft, diskutieren Wissenschaftler das komplexe Zusammenspiel von Natur und Technik und dessen Wechselwirkungen mit uns und unserer Lebenswelt. Zentrale ökonomische und politische Herausforderungen sowie kontroverse Fragen unseres gemeinschaftlichen Zusammenlebens stehen im Mittelpunkt der Diskussionen im gemeinsam mit NDR Info veranstalteten Forum Politik-Wirtschaft-Gesellschaft.