Agrar-Herausforderungen im Europäischen Schulterschluss begegnen

Ministerielle Delegation gestaltet gelungenen Auftakt für deutsch-französische Forschungskooperation

 

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13.03.2020 - Rennes, Frankreich. „Es geht zukünftig um eine intelligente Nutzung der Ressourcen im ländlichen Raum“ stellte der Vize-Präsident der Region Bretagne, Olivier Allain, in seiner Begrüßung der niedersächsischen Delegation in den Räumen der bretonischen Regionalregierung fest.

 

Im Rahmen einer Delegationsreise von Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast, Ministeriumsvertretern und Akteuren aus Landwirtschaft und Wissenschaft fand am 13.3.2020 ein Treffen mit französischen Wissenschaftler*innen führender Agrar-Forschungseinrichtungen sowie Landwirtschaftsverbänden statt. Ziel des Treffens war die Anbahnung einer strategischen Kooperation mit der Bretagne, die als agrarische Intensivregion rund 40% des französischen Bedarfs an Milch, Geflügel- und Schweinefleischprodukten sowie Obst und Gemüse produziert.

 

„Genauso wie Nordwestniedersachsen erlebt diese französische Agrarregion derzeit einen erheblichen Transformationsdruck. Da in beiden Regionen die Agrar- und Ernährungswirtschaft einen bedeutenden Wirtschaftszweig darstellt, ist die Entwicklung eines nachhaltigen, d.h. ökologisch, sozial und ökonomisch tragfähigen Agrarsystems für deren Zukunftsfähigkeit unabdingbar.“  Dr. Michael Schrörs, Referatsleiter für EU - Angelegenheiten, Agrarforschung und Innovation, unterstrich zudem die Bedeutung der Forschungskooperation auf Europäischer Ebene: „Motiviert durch gemeinsame Interessen und Bedarfe ist die strategische Partnerschaft mit der Bretagne auf Nachhaltigkeit angelegt. Dem niedersächsischen Landwirtschaftsministerium ist sehr daran gelegen, diese Forschungskooperation zu unterstützen. Es ist an der Zeit, federführend in verschiedenen Ausschreibungen der EU-Kommission aktiv zu werden, um zukunftsweisende Lösungen für unsere agrarischen Intensivregionen zu entwickeln.“ Neben Nordwestniedersachsen sei zudem Katalonien als weitere Projektregion ein wichtiger Partner.

 

„Durch die Bündelung des Fachwissens aus verschiedenen Regionen der intensiven Landwirtschaft in Europa werden wir in regionalen Innovationszentren pro-aktiv eine system- und anwendungsorientierte Zusammenarbeit zwischen Forschern, Praktikern und Regierungen herstellen. Mit einem partizipativ angelegten Multi-Stakeholder-Ansatz wollen wir neue integrierte und interdisziplinäre Konzepte für eine zukunftssichere und nachhaltige Tierproduktion entwickeln“, sagte Dr. Barbara Grabkowsky, Leiterin der wissenschaftlichen Koordinierungsstelle des Verbunds Transformationsforschung agrar (trafo:agrar), die das Treffen der mit den wissenschaftlichen Einrichtungen INRAE, IFIP und ITAVI maßgeblich organisiert hatte. Der Verbund aus Tierärztlicher Hochschule Hannover, Universität Göttingen, Universität Osnabrück, Hochschule Osnabrück, Universität Vechta sowie zentralen Wirtschaftsverbänden, WWF und BUND wird von niedersächsischer Seite aus die erforderlichen Kompetenzen in das geplante EU-Vorhaben einbringen. Koordiniert wird das Vorhaben von der wissenschaftlichen Koordinierungsstelle trafo:agrar.

 

In dem Gespräch mit den Wissenschaftler*innen wurden verschiedene Themen diskutiert, die in den geplanten inter- und transdisziplinär angelegten Innovationszentren mit starkem Fokus auf Nachhaltigkeit aufgenommen werden sollen. Prof. Dr. Thomas Blaha, Repräsentant der Tierärztlichen Hochschule Hannover auf der Delegationsreise, betonte, dass das gewünschte Ziel eines zielgerichteten Erfahrungsaustausches zum Finden gemeinsamer und regional-spezifischer Lösungskonzepte nur mit einer klugen Moderation erfolgreich sein könne. „Eine solche Moderation ist theoretisch eine neutrale Person, die in den zu besprechenden Prozessen keine eigenen Interessen vertritt. Man kann aber auch idealer Weise eine neutrale Moderation durch eine paritätische Vertretung aller Stakeholder in einem moderierenden Gremium erreichen. Ziel ist es, für alle drei Regionen eine „WinWinWin-Situation“ zu erreichen. Das von uns geplante, die Regionen übergreifende Konsortium ist ein solch idealer Moderator für den vorgesehenen Austausch zwischen den jeweiligen Innovationszentren“.

 

Neben neuen Ansätzen für die veralteten Tierhaltungsstrukturen und Fütterungsalternativen wurde der Themenbereich Kreislaufwirtschaft intensiv diskutiert. Es wurde deutlich, dass der Themenkomplex Nährstoffmanagement und Gewässerschutz in der Bretagne schon seit 20 Jahren bearbeitet und in engem Dialog mit Brüssel transparent aufgearbeitet wurde.

 

Einen eindrucksvollen Eindruck, wie ein ganzheitliches Kreislaufmanagement ganz praktisch organisiert werden kann, zeigte der Besuch von Frankreichs größter Schweinemastkooperative „Cooperl“ in Lamballe-Armor. Der genossenschaftlich organisierte Schweinefleischproduzent setzt seit vielen Jahren auf ein integriertes System vom Tier bis zum Teller und bedient unterschiedliche Marken und Label für unterschiedliche Verbraucherwünsche. Innerhalb der Kooperative hat die Verwertung von Rest- und Nebenprodukten aus allen Produktionsstufen in den letzten 15 Jahren einen immer größeren Stellenwert eingenommen. Die Umweltverträglichkeit und der Kreislaufgedanke sind dabei Voraussetzung für neue Konzepte der Verwertung. So wird beispielsweise hygienisiertes Blutmehl als Nährstoff für Aquakulturen eingesetzt, speziell gefilterte Abwässer werden für die Anzucht von Mikroalgen verwendet und aus Schlachtresten wird ein dem Diesel adäquater Kraftsoff für LKWs hergestellt.

 

Dr. Cord Stoyke, Referatsleiter für Querschnittsfragen landwirtschaftlicher Märkte und Agrarmarketing zeigte sich beeindruckt von dem umfassenden Reststoffverwertungssystem, das als eigenes Businessmodell der Kooperative ein lukratives Einkommensfeld generiert: „Hier werden alle Nebenprodukte als wertvoll erachtet und innovativ in den Wertschöpfungsprozess eingebunden. Dies ist allerdings nur aufgrund der Integrationsähnlichen Organisationsstruktur und zentralen Verwaltung und Steuerung der insgesamt 2700 Betriebe möglich.“

 

Im nächsten Schritt werden nun die Diskussionsansätze für das deutsch-französische Innovationszentrum gemeinsam mit den Wissenschaftler*innen weiter ausgearbeitet. Sobald die COVID-19-Situation es erlaubt, findet dann die nächste ministeriell begleitete Reise nach Katalonien statt. Diese ebenfalls agrarisch intensiv genutzte Region steht vor ähnlichen Herausforderungen und hat bereits großes Interesse für den Forschungsverbund angemeldet.