Der alles entscheidende theologische Ausgangspunkt des päpstlichen Plädoyers für Gewaltfreiheit ist das Theologumenon von der Gottebenbildlichkeit und die davon abgeleitete Würde eines jeden Menschen als heilige Gabe. Während Gewalt dieser diametral entgegensteht, entspricht ihr die in Gefühlen und durch Werte grundgelegte Gewaltfreiheit. Allerdings darf Gewaltfreiheit nicht als Ausdruck von Passivität missverstanden werden. Ihre heilende Wirkung (dieses erinnert an Bernhard Härings „Heilkraft der Gewaltfreiheit“) entfaltet sie gerade als eine aktive. Mit Jesus, der sie demonstrativ bis in den gewaltsamen Tod hinein konsequent durchgehalten hat, verknüpft der Papst auch Friedenshandeln mit der „bedingungslosen Liebe Gottes“ und seiner Barmherzigkeit (dieses erinnert an das „Dios no mata“, an das „Gott tötet nicht“, jene mit Blut geschriebene Inschrift, die Adolfo Pérez Esquivel an einer Wand seiner Folterzelle vorfand).Auch wenn die erste Adresse des päpstlichen Plädoyers die Politik ist, so buchstabiert Franziskus sein Postulat nicht nur bis in den Mikrokosmos des Zusammenlebens hinein, sondern sieht dort, konkret in der Familie, die Keimzelle gewaltfreien Handelns. Im Hinblick auf eine dynamische Fortschreibung seiner Friedensethik ist die Versicherung des Papstes, „dass die katholische Kirche jeden Versuch, den Frieden auch durch aktive und kreative Gewaltfreiheit aufzubauen, begleiten wird“, grundlegend.
Wenn der Papst neben den klassischen Zeugen eines radikalen Gewaltverzichts, Mohandas K. Gandhi und Martin Luther King, auch Khan Abdul Ghaffar Khan nennt (hier sei an Eknath Easwarans „Nonviolent Soldier of Islam: Badshah Khan“ erinnert) und damit ausdrücklich den viel zu wenig bekannten Paschtun als das muslimische Pendent zu Gandhi in den Kreis der klassischen Kronzeugen der Gewaltfreiheit hinzunimmt, dann setzt dieser ein nicht zu übersehendes Zeichen: dann betont er mit Recht das, was der Islam bereits durch seine Bezeichnung zu sein beansprucht, eine Friedensreligion (salam, shalom, vgl. Islam), und eröffnet damit eine neue Phase des Dialogs. Und auch die Genderfrage bedient der Papst an dieser Stelle aus gutem Grund, wenn er auf das gewaltfreie Engagement von Leymah Roberta Gbowee (Friedensnobelpreisträgerin 2011) verweist (hier sei hingewiesen auf den von Mariam M. Kurtz und Lester R. Kurtz herausgegebenen Band „Women, War, and Violence“).
Päpstliche Verlautbarungen der verschiedensten Art regen immer wieder die Frage an, wer im Hintergrund federführend am jeweiligen Text gearbeitet haben mag. Der Referent stellt dahingehend keine Vermutungen auf, sieht aber deutliche Einflüsse durch den in den lateinamerikanischen theologischen Fakultäten hochgeschätzten Bernhard Häring als einer der bedeutendsten Moraltheologen des vergangenen Jahrhunderts und Adolfo Pérez Esquivel (Friedenspreisträger 1980), der – ist es Zufall – wie Franziskus aus Buenos Aires stammt und dort seines gewaltfreien Engagements wegen den Repressalien der damaligen Militärdiktatur (1976-1983) ausgesetzt war. Letzterer konnte später bezeugen, dass sich, gegen erste Behauptungen, der später zum Papst gewählte frühere Provinzial des Jesuitenordens in Argentinien, Erzbischof von Buenos Aires und Kardinal, mit bürgerlichem Namen Jorge Mario Bergoglio, während der Militärdiktatur nichts habe zu Schulden kommen lassen. Beiläufig konnte der Referent erwähnen, dass er in der Vergangenheit mit beiden, Häring wie Esquivel, in der gewaltfreien Bewegung zusammenarbeiten durfte.
Die Initiative des Papstes, seine Verbindung von Friedenshandeln mit Gewaltfreiheit, stellt Spiegel abschließend in den Kontext der UN-Dekade „Culture of Peace and Non-violence for the Children of the World“. Theologisch schlägt er vor, den in der Friedensbotschaft ausgeführten Ansatz um einen soziotheologischen zu ergänzen (Gott als sozialpraktische Wirkmacht) und ausdrücklich anzuknüpfen an die prophetische Kritik, nicht auf Wagen und Rosse zu  vertrauen, sondern auf JHWH (als einer, der für die Menschen da ist), und Jesu programmatischen Einritt in Jerusalem auf einem Esel und ausdrücklich nicht auf einem Pferd.

Letzte Aenderung: 18.05.2020 · Seite drucken