Absolventenportraits

Interview mit:

 

Dr. Sarina Strumpen, Diplom Gerontologin

Geschäftsführerin des Online-Portals
werpflegtwie.de, Berlin

Sprecherin des Ausschusses "Gerontologische 
Aus- und Weiterbildung"
der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG)

       

 

 

 

 

 

                           

1. Wie lange liegt Ihr Studium in Vechta zurück?
Ich habe die Hochschule Vechta als Diplom-Gerontologin im Frühjahr 2008 verlassen. Das ist jetzt bald 11 Jahre her. Begonnen habe ich mein Studium im Herbst 2003. Damit habe ich in den für den Diplomstudiengang vorgesehenen neun Semestern Regelstudienzeit abgeschlossen.

2. Warum haben Sie sich als junger Mensch entschieden, das Alter zu studieren?
Zum Ende meiner Schulzeit war ich mich sicher, dass ich „etwas Soziales“ machen wollte – jedoch nicht mit jungen Menschen und auch keine therapeutische Arbeit. Dem Ratschlag einer Berufsberaterin folgend habe ich überlegt: In welchem Umfeld, mit welchen Themen und für welche Gruppen möchtest du später arbeiten? Von Altenhilfe hatte ich zwar nur wenig Ahnung, doch haben Berichte in den Medien mir den Eindruck vermittelt, dass an katastrophalen Zuständen in der Altenpflege dringend etwas getan werden müsse. Auch hat die damalige Diskussion um den demographischen Wandel mich hoffnungsfroh gestimmt, dass es im Umfeld von Älteren bestimmt neue, innovative und zukunftsfeste Arbeitsplätze geben würde.

Für das Studium der interdisziplinären Gerontologie habe ich mich entschieden, da ich mir ja schon sicher war, dass ich in die Altenhilfe wollte. Diese Nähe zum Themen- und Tätigkeitsfeld fand ich wertvoll und es erschien mir geradliniger als erst Psychologie, BWL oder Jura zu studieren. Alternativ hätte ich wohl zunächst eine Pflegeausbildung gemacht, um anschließend Pflegewissenschaft zu studieren.

Dass ich nicht das Alter studiere (und damit etwas Altersweisheit auf mich abfällt), sondern verschiedene wissenschaftliche Perspektiven und Methoden, die sich im System der Altenhilfe kreuzen, habe ich dann erst im Laufe des Studiums begriffen. Bis heute mag ich die Spannung zwischen Fragen der Grundlagenforschung (Wann wird was bzw. wer als alt konzipiert? Wie wirkt sich das im Sozialen aus?) und einer Anwendungsorientierung sowie einem Steuerungsanspruch (An welcher Schraube im System muss gedreht werden, um dies oder das zu erreichen?), die gerontologische Diskurse prägt.

3. Wie sah Ihr beruflicher Werdegang nach dem Studium bis zum jetzigen Zeitpunkt aus?
Direkt nach meinem Abschluss bin ich nach Istanbul in die Türkei gegangen und habe ein mehrmonatiges Praktikum in einem privatwirtschaftlichen Altersheimunternehmen gemacht. Solch ein Auslandsaufenthalt bedient natürlich immer Zweierlei: zum einen die persönliche Lust auf Abenteuer in der großen weiten Welt. Zum anderen habe ich mit dem Praktikum natürlich die Hoffnung verbunden, mir ein berufliches Profil mit Alleinstellungsmerkmal zu erarbeiten. Denn mein Ziel war es, mit und für ältere Migranten in Deutschland zu arbeiten. Ich hatte mir vorgestellt, dass mich die Erfahrungen in der Türkei dazu kompetenter machen.

Entgegen meiner vorherigen Planung, bin ich in Deutschland nicht sofort „in die Praxis“ gegangen, sondern hatte einige Jahre einen wissenschaftlichen Arbeitsalltag. Der wurde maßgeblich von meinem Dissertationsprojekt an der Universität Rostock geprägt. Als Stipendiatin der dortigen Interdisziplinären Fakultät, konkret des Departments: Das Altern des Individuums und der Gesellschaft, fand ich als Kollegiatin Anschluss im Forschungskolleg „Kulturkontakt und Wissenschaftsdiskurs“. Den ständigen Wechsel zwischen sozial-, kultur- und geisteswissenschaftlichen Gesprächspartnern sowie einen Forschungsaufenthalt an einer türkischen Universität habe ich als sehr wertvoll für mein wissenschaftliches Denken erfahren. Promoviert habe ich schließlich an der Theologischen Fakultät als Religionskundlerin. Zwischenzeitlich arbeitete ich an der Ernst-Abbe-Hochschule (Jena) in einem Forschungsprojekt zum Hilfesystem bei Demenz. Während dieser Zeit habe ich als Dozentin an verschiedenen Hochschulen Studenten der Sozialen Arbeit und der Pflegewissenschaft sowie an Berufsschulen Altenpfleger in Ausbildung unterrichtet.

In den letzten Jahren habe ich zunächst in einem Projekt zur interkulturellen Öffnung der Altenhilfe in Berlin gearbeitet und konnte hier meine über 10 Jahre angehäuften Kompetenzen zu Alter in der Migration und Migration im Alter einbringen.

Gegenwärtig arbeite ich für ein Online-Portal, dass die Möglichkeiten der Sozialen Medien für die Altenhilfe erschließen will. Mit diesem letzten Arbeitsplatzwechsel habe ich den bisher größten Schritt in eine für mich neuartige berufliche Tätigkeit und in eine Branche gewagt, mit der mich meine wissenschaftliche Ausbildung nicht vertraut gemacht hat.

4. Was zeichnet Ihren Beruf als Gerontologe aus? Was sind die zentralen bzw. typischen Tätigkeiten, die Sie im Rahmen Ihres Jobs ausüben müssen?
Was ich zu schätzen gelernt habe, ist diese fokussierte und gleichzeitig facettenreiche Perspektive auf das System der Altenhilfe. In den vergangenen Jahren habe ich nicht viele andere getroffen, die die verschiedenen Säulen in der Altenhilfe in Beziehung setzen konnten. Die einen beißen sich am Thema Pflege fest, die nächsten an Demenz oder den Möglichkeiten und Grenzen von Sozialer Arbeit oder der gesundheitsfördernden Therapien und Maßnahmen. Wie befähigende bis helfende Angebote für Ältere ineinander verzahnend sinnvoll weiterentwickelt werden können, darüber nachzudenken, das fällt den Gerontologinnen und Gerontologen oft leichter als Personen, die erst über andere Wege zur Hilfe für Ältere gekommen sind.

Die typischen Tätigkeiten in meinen Jobs kamen immer eher über die Art des Jobs als über meine gerontologische Ausbildung. Als forschende Wissenschaftlerin und Dozentin an Hochschulen (Textverfassung, Literatursichtung, Datenerhebung- und auswertung, Kolloquien, Konferenzen, Lehre) sieht der Arbeitsalltag anders aus als der einer Projektleitung in der freien Wohlfahrtspflege (Sitzungen, Veranstaltungsbesuche, Netzwerktreffen, Budgetverwaltung und Berichtlegung) oder der als Geschäftsführerin eines Informations- und Kommunikationsportals (Vertrieb, Produktentwicklung, Buchhaltung, Mitarbeiterführung, Investorengespräche). Bei all diesen Positionen und unterschiedlichen Tätigkeiten geht es doch immer um die Frage: wie kann eine sympathische Altenhilfe der Zukunft gefördert werden? Diese Frage nicht aus den Augen zu verlieren, das macht für mich eine gerontologische Prägung im Erwerbsleben aus.

Wir sollten nicht vergessen, dass ein Studium der Gerontologie eine akademische Ausbildung ist und eben keine Berufsausbildung für eine bestimmte Tätigkeit.

5. Wie sehen Ihre weiteren beruflichen Pläne aus?
Zurzeit befinde ich mich in einer familiär bedingten Erwerbsarbeitspause und nutze die Zeit zur Orientierung. Ganz im Sinne des lebenslangen Lernens stellt sich ja auch mir die Frage, welche Kompetenzen ich in den nächsten Jahren bei mir fördern sollte. Da merke ich einen Druck, sich stärker festzulegen und zu spezialisieren. Auf jeden Fall bleibe ich der Altenhilfe treu.

6. Wie schätzen Sie retrospektiv Ihre Entscheidung ein, Gerontologie in Vechta zu studieren? Welche Stärken und Schwächen haben für Sie daraus resultiert?
Ich bin mit meiner Entscheidung weiterhin sehr zufrieden. Sowohl das Themen- und Tätigkeitsfeld als auch das Studium an sich sind genau das richtige für mich – damals und auch heute. Als nachteilig habe ich es in den ersten Jahren erfahren, dass sowohl das Fach als auch die Hochschule so unbekannt sind und man sich immer erklären musste. Da sind andere, mit den bekannten Studiengängen aus den großen Universitätsstädten, mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein und Selbstverständnis aufgetreten. Positiv erfahre ich es bis heute, dass ich als Gerontologin nicht in solch ausgelatschten Pfaden unterwegs bin – sowohl was den Wissenskanon angeht als auch mit Optionen im Erwerbsleben.

7. Welche Ratschläge würden Sie künftigen Gerontologen und Gerontologinnen oder Interessenten mit auf den Weg geben?
Traut euch, Gerontologie und Altenhilfe als für eine Gesellschaft existenzielles Themen- und Tätigkeitsfeld zu begreifen, dass innovative Ansätze für neue und altbekannte Probleme braucht. Lasst uns Altenhilfe zu einem kreativen Berufsfeld machen. Und: Bildet Netzwerke! Tretet beispielsweise in die Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie ein. Ein kontinuierlicher Austausch über den eigenen Hochschulkreis hinaus dort bietet uns Gerontologinnen und Gerontologen sowohl die Möglichkeit berufliche Netzwerke zu spinnen als auch Diskurse (jenseits von Forschungsprojekten) voran zu bringen.

Letzte Aenderung: 19.08.2019 · Seite drucken