Absolventenportraits

Interview mit:

 

Marvin Blum, MA Gerontologie

Leiter einer Wohngruppe in der Eingliederungshilfe
beim Bezirksverband Oldenburg - Gertrudenheim

ehemals Wissenschaftlicher Mitarbeiter
"Empirische Alternsforschung und
Forschungsmethoden", Universität Vechta

 

 

 

                           

1. Wie lange liegt Ihr Studium in Vechta zurück?
Mittlerweile mehr als sechs Jahre. Ich habe im Wintersemester 2007 mit dem Bachelor of Arts Gerontologie in Vechta  begonnen und den Master of Arts Gerontologie im Sommersemester 2012 abgeschlossen.

2. Warum haben Sie sich als junger Mensch entschieden, das Alter zu studieren?
In der Oberstufe nahm ich an einem kleinen Kooperationsprojekt mit einer Altenhilfeeinrichtung in unmittelbarer Schulnähe teil, in welchem wir Schüler die Möglichkeit bekamen, uns – während der normalen Unterrichtszeit – in der Betreuung älterer Menschen zu engagieren. Anfangs lag die Motivation vor allem darin, nicht am normalen Unterricht teilnehmen zu müssen. Das änderte sich dann aber ziemlich schnell und die ganze Klasse, die Lehrer/-innen sowie die  Bewohner/-innen hatten Spaß an den regelmäßigen Besuchen. Mit der Suche nach einer geeigneten Arbeitsstelle für meinen Zivildienst rückte dieser Bereich wieder in meinen Fokus und ich leistete den Zivildienst in einer größeren Rehaklinik ab, da ich ja schon gute Erfahrungen in einer Altenhilfeeinrichtung gemacht hatte. Dort habe ich dann von den Mitarbeiterinnen viele und gute Hinweise zu den beruflichen Perspektiven im Bereich der Altenhilfe und -pflege erhalten. Da es mir aber schwer fiel, mich in diesem Feld zu orientieren, habe ich eine Berufsberatung bei der Agentur für Arbeit in Anspruch genommen, in welcher mir grundsätzlich zu einem Studium geraten wurde. Inhaltlich sprach mich der Studiengang in Vechta an, weil es nicht nur um Pflege ging sondern um das Altern generell und dieses aus verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven betrachtet wird. Außerdem war Vechta (gerade so) weit genug, aber nicht zu weit entfernt von meiner Heimat, und ich konnte mich mit dieser räumlichen Lösung gut anfreunden.

3. Wie sah Ihr beruflicher Werdegang nach dem Studium bis zum jetzigen Zeitpunkt aus?
Ich habe während meines Studiums als wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Gerontologie gearbeitet, bekam so erste Einblicke in die wissenschaftliche Tätigkeit und verfasste in diesem Zusammenhang schließlich eine Masterarbeit. Glücklicherweise ergab sich für mich nach dem Studium die Möglichkeit, als wissenschaftlicher Mitarbeiter in ein größeres Forschungsprojekt zum Thema Laufbahngestaltung in der Pflege einzusteigen, welches zu dieser Zeit am Institut für Gerontologie der Uni Vechta anlief. Neben der Arbeit im Projekt wurde ich zudem in Lehrveranstaltungen des Faches Gerontologie eingebunden. Nach der Tätigkeit im Projekt wechselte ich als Mitarbeiter in ein anderes Fachgebiet der Gerontologie – mit dem Ziel, zu promovieren. Dort hatte ich bereits als studentische Hilfskraft gearbeitet und konnte gut an meinen Erfahrungen anknüpfen. Das Fachgebiet pflegt sehr gute Beziehungen zu einer Universität aus Tansania, so dass zunehmend das Thema „Altern in Afrika“ in den Mittelpunkt meines Interesses rückte und ich mich dazu entschloss, eine Promotion zu diesem Thema anzustreben. Die Kooperation mit den tansanischen Wissenschaftlern und Studierenden bereitet mir nach wie vor große Freude und ist für mich eine wunderbare Möglichkeit, internationale Perspektiven der Gerontologie einzunehmen, Austausche von Lehrenden und Lernenden zu planen, im internationalen Kontext zu lehren und zu forschen und den eigenen Horizont zu erweitern.

4. Was zeichnet ihren Beruf als Gerontologe aus? Was sind die zentralen bzw. typischen Tätigkeiten, die Sie im Rahmen Ihres Jobs ausüben?
Die Tätigkeiten, die ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich der Gerontologie ausübe, sind vielfältig, aber unterscheiden sich vermutlich deutlich von praxisnäheren Arbeitsfeldern der Gerontologie. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter bin ich in die Durchführung der Lehre des Fachgebiets eingebunden und setze mich parallel dazu mit wissenschaftlichen Fragen rund um das Altern auseinander, halte Vorträge und verfasse Texte. Inhaltlich ist das sehr vielseitig und umfasst bspw.  die Untersuchung der Lebenssituation von russischsprachigen Migranten im Oldenburger Münsterland, die Analyse von Arbeitsbedingungen in der Altenpflege in Deutschland und die facettenreichen Fragen des Alterns in Tansania.

5. Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer gegenwärtigen Tätigkeit – inhaltlich, organisatorisch, finanziell?
Die Wissenschaft ist ein anspruchsvolles System, und ich verstehe die Kritik an den Arbeitsbedingungen. Die Stellen sind meistens befristet  und nur selten Vollzeitstellen. Das macht es für manche sehr schwer und für viele unattraktiv. Trotzdem ist die Wissenschaft – und so auch die Gerontologie an der Uni Vechta – für mich ein äußerst sinnstiftendes Tätigkeitsfeld. Ich arbeite sehr gerne in diesen Themengebieten und bin in meiner Arbeitseinteilung und –zeit flexibel und weitestgehend frei – abgesehen von diversen Deadlines. ;)

6. Wie sehen Ihre weiteren beruflichen Pläne aus?
Ich werde in Zukunft für einen kommunalen Träger im Bereich der Eingliederungshilfe arbeiten und damit meinen Arbeitsschwerpunkt in die Praxis verlagern. Auch im Hinblick auf Menschen mit Behinderung stellen sich für die Akteure in der Eingliederungs- und Behinderteneinrichtungen zunehmend alternsspezifische Fragen. Auch aufgrund neuer gesetzlicher Rahmenbedingungen bedarf es einer Weiterentwicklung der konzeptionellen Grundlagen, an der ich sehr interessiert bin.

7. Wie schätzen Sie retrospektiv Ihre Entscheidung ein, Gerontologie in Vechta zu studieren? Welche Stärken und Schwächen haben für Sie daraus resultiert?
Inhaltlich ist das Gerontologie-Studium sehr breit aufgestellt, und man erhält aus vielen unterschiedlichen Perspektiven einen Eindruck über das Altern. Das ist ganz klar eine Stärke. Kritik, die einem entgegengebracht wird, klingt meistens so: „Also kannst du alles ein bisschen, aber nichts richtig?“. Das ist natürlich nicht so. Ganz im Gegenteil. Man erhält einen soliden Überblick über die wissenschaftlichen Disziplinen, die sich mit unterschiedlichen Aspekten des Alterns befassen und kann somit Themen aus verschiedenen Blickwinkeln beurteilen und bearbeiten. Genau dadurch entsteht auch die Chance, seine eigenen Nischen zu finden, in die man sich vertieft und sich ggf. spezialisiert. Die Universität Vechta ist eher klein. Man lernt sich also schnell kennen und läuft sich häufiger mal über den Weg. Ich habe (insb. im Master Studium) oft von der familiären Atmosphäre und den kleinen Gruppen profitiert und bin davon überzeugt, dass man so deutlich besser lernt als anonym im Audimax. Außerdem fand ich es immer gut, kurze Wege zu haben und zur Uni, Mensa, zum Bahnhof und Supermarkt laufen zu können.

8. Welche Ratschläge würden Sie künftigen Gerontologen und Gerontologinnen oder Interessenten mit auf den Weg geben?
Das Berufsbild von Gerontologinnen und Gerontologen etabliert sich hier in Deutschland Schritt für Schritt - aber langsam. Es werden mehr und mehr Stellen für Gerontologinnen und Gerontologen konzipiert und ausgeschrieben. Trotzdem halte ich es für ratsam, auch über das Pflichtpraktikum hinaus praktische Handlungsfelder der Gerontologie zu erkunden und so berufliche Einstiegsmöglichkeiten zu finden.

Letzte Aenderung: 12.07.2019 · Seite drucken