Anerkennung und Sichtbarmachung von Geschlechtervielfalt an Hochschulen

Geschlechtervielfalt ist Realität an und in Hochschulen. Als öffentlich-rechtliche Organisationen tragen Hochschulen die gleichstellungs- und diversitätspolitische Verantwortung, Bedingungen zu schaffen, die es allen ihren Angehörigen ermöglichen, möglichst diskriminierungsfrei zu arbeiten, zu studieren und miteinander zu interagieren[1]. Seit der Erweiterung des Personenstandgesetzes zum 18.12.2018 besteht nun auch die Möglichkeit der juristischen Anerkennung weiterer Geschlechter neben Mann und Frau[2]. Für die Herstellung der notwendigen strukturellen Rahmenbedingungen, die trans*, inter* und nicht-binäre Personen in die Lage versetzt, sich ohne Scham oder Angst vor Diskriminierung im Studien- und Arbeitsumfeld zu bewegen und zu interagieren, sind die Hochschulen verantwortlich[3].

Eine "Toilette für Alle" an der Universität Vechta

Die momentane Kennzeichnung der meisten öffentlichen Toiletten in sogenannte Frauen-, Männer- und Toiletten für Menschen mit Behinderungen - so auch an der Universität Vechta - spiegelt somit nicht die Lebensrealität(en) vieler Menschen in unserer Gesellschaft wider. So kann der Zwang zur Auswahl geschlechtsspezifischer Toiletten und die damit einhergehende unfreiwillige Zuordnung zu einem Geschlecht, welches möglicherweise nicht der gelebten Geschlechtsidentität entspricht, ebenso wie die ungefragte Neutralisierung der Geschlechtsidentität im Kontext von Behinderung zur Kategorisierung vieler Menschen und häufig zum Ausschluss aus öffentlichen Räumen führen. Denn wir können Menschen ihr Geschlecht nicht ansehen!

In der Konsequenz wird die Nutzung öffentlicher Toiletten für eine Vielzahl von Personen zu einer zunehmend unangenehmen Situation. Oftmals unbedacht ausgesprochene Sätze anderer Toilettennutzer*innen wie

„Das hier ist aber eine Frauen-/Männertoilette“

„Du hast dich wohl verlaufen“

tragen nicht zu einem diskriminierungsarmen Klima innerhalb öffentlicher Räume bei, sondern erhöhen im Gegenteil die Wahrscheinlichkeit, dass vor allem trans*, inter* und nicht-binäre Personen vermeiden, eine Toilette aufzusuchen, um potenziell beschämenden und diskriminierenden Situationen aus dem Weg zu gehen. Darüber hinaus trägt die besagte Kennzeichnung weiterhin dazu bei, dass die existierende Geschlechtervielfalt und damit verbundene Anliegen und Bedürfnisse  unsichtbar bleiben.

Mit der Einrichtung einer “Toilette für Alle” möchte die Universität Vechta deshalb dem Bedarf an sicheren Toilettenräumen für alle Geschlechter nachkommen und diskriminierende Strukturen so konkret abbauen.

Im Rahmen des Ende 2017 gestarteten Diversity-Audits hat sich die Universität Vechta zum Ziel gesetzt, der Vielfalt ihrer Studierenden und Beschäftigten noch stärker gerecht zu werden. Dazu gehören neben der Erhöhung der Chancengerechtigkeit in der Hochschulbildung und der individuellen Entwicklung auch die Etablierung einer wertschätzenden Hochschulkultur, die Sensibilisierung für Diskriminierungsrisiken sowie die stärkere Sichtbarmachung diverser Lebensrealitäten.

Hieraus hat sich die AG „Toilette für Alle“ gegründet. Ihr Anliegen, auch an der Universität Vechta eine “Toilette für Alle” zu etablieren, wird durch die verschiedenen Hochschulgremien (AStA, Kommission für Gleichstellung und Diversität (KfG), Schwerbehindertenvertretung an der Universität Vechta (SBV), Zentrale Einrichtung Gleichstellung & Diversität (ZEGD), Dezernat 4 Liegenschaften), den Steuerungskreises des Diversity Audits sowie durch die Hochschulleitung breit unterstützt.

Im Juni 2019 wurde der entsprechende Antrag zur Einrichtung einer “Toilette für Alle” vom Präsidium der Universität Vechta einstimmig bewilligt. Seitdem arbeitet die AG an der konkreten Umsetzung des Vorhabens. Die finale Einrichtung und Eröffnung der “Toilette für Alle” wird erfolgen, sobald der reguläre Lehrbetrieb im Anschluss an die Corona-Pandemie wieder aufgenommen werden kann.

Mit dem Anliegen soll es Personen aller Geschlechter ermöglicht werden, eine sichere Toilette an der Universität Vechta aufsuchen zu können, ohne Angst vor Diskriminierung und/oder Beschämung zu erfahren. Deshalb wird an zentraler und leicht erreichbarer Stelle eine erste Toilettenanlage eingerichtet, die über eine alternative Kennzeichnung verfügt:

        

Im Rahmen der Eröffnung der ersten „Toilette für Alle“ erfolgt die feste Installierung einer Tafel, die über die Gründe und Ziele der Einrichtung informiert. Die Realisierung wird zudem durch einen Evaluationsprozess sowie Rückmeldemöglichkeiten begleitet. Weiterführende Informationen werden außerdem auf einer Website bereitgestellt, die über einen QR-Code und einen Kurzlink erreichbar sein werden.  

Der Prozess der Realisierung der „Toilette für Alle“ an der Universität Vechta erfolgt dabei konkret in zwei Schritten, zeitnah über eine “Interimslösung” und langfristig durch die Berücksichtigung bei allen zukünftigen baulichen Maßnahmen an der Uni. Die “Interimslösung” umfasst dabei die Einrichtung einer ersten zentral und leicht erreichbaren “Toilette für Alle”, indem eine bislang als sogenannte Frauen- und Männertoilette gekennzeichnete Anlage gemäß der neuen Kennzeichnung umgewidmet wird. Dies erfolgt zunächst ohne Einbezug einer momentan als “für Menschen mit Behinderung“ gekennzeichneten Toilette. Mit der langfristigen Lösung wird angestrebt, eine diversitätssensible Perspektive in sämtliche anstehenden Bau- und Umbaumaßnahmen zu integrieren und auf eine Kapazitätserweiterung sowohl von barrierefreien, rohlstuhlgerechten Toiletten als auch “Toiletten für Alle” hinzuwirken.

Die Realisierung der "Toilette für Alle" erfolgt aktuell durch die AG, die innerhalb des Diversity Audits entstanden ist, in Kooperation mit dem Präsidialbüro Marketing und Presse sowie dem Dezernat 4 - Liegenschaften. Weitere Gremien wurden zudem im Prozess der Umsetzung wiederholt eingebunden (s. Container "Eine "Toilette für Alle" an der Universität Vechta - Auf der Zielgerade!").

Als Ansprechpersonen bei inhaltlichen Fragen fungieren die AG-Mitglieder Dr.in Laura Naegele (Vorsitzende) und Christina Plath.

Im Zuge der Einrichtung der “Toilette für Alle” tauchen immer mal wieder Begrifflichkeiten auf, mit denen wir uns erst einmal beschäftigen mussten, um einen möglichst sensiblen und diskriminierungsarmen Umgang mit der Vielfalt von Geschlechtern zu gewährleisten. Deshalb haben wir an dieser Stelle eine kleine Sammlung zusammengestellt, die einige der Begrifflichkeiten erklären soll. Wir bitten diese Sammlung als Prozess und nicht abschließend zu verstehen. Sie versucht, den momentanen Stand der Diskussionen abzubilden. Wir freuen uns zudem über Ergänzungen und Hinweise zur Aufnahme weiterer Begriffe. Die Begriffserklärungen sind dem Opens external link in new windowNichtbinär-Wiki, dem Opens external link in new windowGlossar des Missy Magazins und dem Wörterbuch von Opens external link in new window“genderdingens” entnommen.

Cis oder cisgeschlechtlich beschreibt Menschen, die sich immer mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Es handelt sich dabei um ein Adjektiv.

Geschlechterrollen beinhalten alles, was in unserer Gesellschaft als „typisch männlich“ und „typisch weiblich“ gilt sowie alles, was von Mädchen und Jungen bzw. Frauen und Männern erwartet wird, damit sie als „richtige“ oder „normale“ Mädchen/Frauen und Jungen/Männer gelten.

Geschlechtsidentität ist das innere Wissen, welches Geschlecht wir haben. Das, was wir selbst über unser Geschlecht wissen, egal, was andere uns sagen. Wie dieses innere Wissen entsteht, weiß niemand sicher. Es lässt sich aber nicht ohne Weiteres beeinflussen oder ändern. Die Geschlechtsidentität kann und soll niemandem aufgezwungen werden.

Intergeschlechtlich zu sein bedeutet, dass der Körper einer Person (von Geburt an oder so wie er sich von selbst entwickelt) nicht in die gesellschaftlichen Vorstellungen von männlichen und weiblichen Körpern passt, weil chromosomal, anatomisch und/oder hormonell etwas anders ist, als diese Bilder erlauben. Es handelt sich dabei um ein Adjektiv.

Nichtbinär (alternativ auch abinär, non-binär, nonbinary) und genderqueer werden oft mit derselben Bedeutung verwendet, nämlich: Ein Geschlecht, das weder ganz/immer weiblich ist, noch ganz/immer männlich. Damit sind sie Überbegriffe für sehr verschiedene Arten, das eigene Geschlecht zu erleben. Nicht-binär und genderqueer sind Adjektive und werden als Selbstbezeichnungen der jeweiligen Person verwendet.

Trans* oder transgeschlechtlich beschreibt eine Person, die sich nicht oder nicht immer mit dem Geschlecht identifiziert, das ihr bei der Geburt zugewiesen wurde. Als Kurzform wird häufig trans oder trans* verwendet. Es handelt sich dabei um ein Adjektiv und um eine Selbstbezeichnung der jeweiligen Person.

Zweigeschlechtlichkeit bzw. Geschlechterbinarität ist die in unserer Gesellschaft vorherrschende Kultur, in der nur zwei Geschlechter als „normal“ oder „natürlich“ angesehen werden. Andere Geschlechter werden als „krank“ oder „unnatürlich“ abgewertet und diskriminiert – das betrifft unter anderem trans* und inter* Personen.

  • Das Opens external link in new windowNichtbinär-Wiki ist ein kollaboratives Projekt, in dem möglichst viel nichtbinäres Wissen zusammengetragen wird
  • Opens external link in new windowArtikel in der "Forschung & Lehre" zur Umsetzung von geschlechterneutralen Toiletten/Unisex Toiletten/All Gender Welcome Toiletten/Toiletten für Alle an deutschen Universitäten (22.01.2020)

 

[1] Handlungsempfehlung der Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen e.V. “Opens external link in new windowHandlungsempfehlungen für Geschlechtervielfalt an Hochschulen: Erste Schritte” (2020). (Abruf: 09.06.2020)

[2] Sasaki, J. (2020). Das dritte Geschlecht? Intergeschlechtlichkeit im Sachunterricht thematisieren. Grundschulunterricht Sachunterricht, 2/2020, 23-27.

[3] Handlungsempfehlung der Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen e.V. “Opens external link in new windowHandlungsempfehlungen für Geschlechtervielfalt an Hochschulen: Erste Schritte” (2020). (Abruf: 09.06.2020)

Letzte Aenderung: 01.09.2020 · Seite drucken