Filmtipp: "Systemsprenger" (2019)

Filmplakat "Systemsprenger"
© Artwork Pauline Branke, Foto Philip Leutert

Pflegefamilie, Wohngruppe, Sonderschule: Egal, wo Bernadette oder Benni, wie sie genannt werden will, hinkommt, sie fliegt sofort wieder raus. Die Neunjährige ist das, was man im Jugendamt als "Systemsprenger" bezeichnet. So nennt man Kinder, die radikal jede Regel brechen, Strukturen konsequent verweigern und nach und nach durch alle Raster der deutschen Kinder- und Jugendhilfe fallen.

Dabei will Benni nur Liebe, Geborgenheit und wieder bei ihrer Mutter wohnen. Doch Muttter Bianca ist maßlos überfordert im Umgang mit ihrer unberechenbaren Tochter. Als es keinen Platz mehr für Benni zu geben scheint und keine Lösung mehr in Sicht ist, versucht der Anti-Gewalttrainer Micha, sie aus der Spirale von Wut und Aggression zu befreien.

Nach ihrem mehrfach preisgekrönten Drehbuch inszenierte Nora Fingscheidt ein intensives Drama über die unbändige Sehnsucht eines Kindes nach Liebe und Geborgenheit und das darin liegende Gewaltpotenzial. Zugleich beschreibt der Film die unermüdlichen Versuche von Erzieher*innen und Psycholog*innen, mit Respekt, Vertrauen und Zuversicht eine Perspektive auch für Kinder zu schaffen, die durch ihre unvorhersehbaren Ausbrüche andere und sich selbst zu zerstören drohen.

 

Regisseurin und Drehbuchautorin Nora Fingscheidt

Nora Fingscheidt, © Philip Leutert

Nora Fingscheidts Drehbuch zu "Systemsprenger" ist nach sorgfältiger Recherche über einen Zeitraum von vier Jahren entstanden. Für ihre Arbeit erhielt die Absolventin der Filmakademie Baden-Württemberg u.a. den Thomas-Strittmatter-Drehbuchpreis 2017. Von der Entstehung des Drehbuchs berichtet Opens external link in new windowNora Fingscheidt im Interview in diesem youtube-Video.

Bei der Recherche und den Drehvorbereitungen zu "Systemsprenger" wurde Nora Fingscheidt von Menno Baumann, Professor für Intensivpädagogik, unterstützt. Die Regisseurin habe "ein sehr ernstes Thema unserer Kinder- und Jugendhilfe aufgegriffen und in seiner Komplexität in Szene gesetzt", so Baumann.

"Systemsprenger" lief im Wettbewerb der 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin und wurde dort mit dem Silbernen Bären / Alfred-Bauer-Preis ausgezeichnet. Es folgten zahlreiche weitere nationale und internationale Festivals und Ehrungen für den Film.

Ein persönliches Filmerlebnis von Sophie Große

"Hoffentlich stirbt die jetzt endlich!"

Das waren originär die Worte des mir nicht weiter bekannten jungen Mannes, der im Kino neben mir saß, als "Systemsprenger" lief. Geäußert kurz vor Ende des Films über die neunjährige Protagonistin, weil sie ihm "tierisch auf den Sack ging". Und das für ganze zwei Stunden. Kinder wie Benni können nach zwei Stunden nicht einfach schlecht gelaunt die Vorstellung verlassen, und während der Film keine konkrete Lebensgeschichte nachzeichnet, so ist er doch weit davon entfernt, eine frei erfundene Hollywood-Freitagabend-Bespaßung zu sein.

Diese Reaktion sollte Grund genug sein, Systemsprenger anzusehen. Und darüber zu reden. Nicht nur mit denen, die im beruflichen Kontext mit Kindern arbeiten, sondern mit allen, die Kontakt mit Kindern haben – und das sind letztlich wir alle. Systemsprenger ist kein Film, der glücklich macht. Benni ist kein glückliches Kind. Der Film hat auch keine Antworten. Aber er ist wichtig. Damit niemand über eine Neunjährige sagt: hoffentlich stirbt die jetzt endlich.

Herzlichen Dank an Sophie Große für diesen Beitrag. Sophie Große ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fach Geschichtswissenschaft und forscht zu den Themen Disability History und Psychiatriegeschichte.

Quellen und weitere Infos

Hier geht's zur Opens external link in new windowoffiziellen Internetseite des Films mit einem Trailer sowie weiteren Informationen,
u.a. auch Begleitmaterial für die pädagogische Arbeit.

Eine lesenswerte Rezension des Films findet sich auch im Opens external link in new windowOnline-Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung fluter.

Der komplette Film "Systemsprenger" ist im kostenpflichtigen Online-Streaming-Dienst Netflix zu sehen.

 

 

Letzte Aenderung: 07.07.2020 · Seite drucken