Rückblick

Bereits 2019 initiierte die Landesregierung die Initiative Demokratisch gestalten. Damit sollten Schulen in ihren Bemühungen unterstützt werden, Demokratiebildungsprozesse strukturell und unterrichtlich zu verankern. Das Kompetenzzentrum Vechta hat diese Landesinitiative aufgegriffen und von Oktober bis Dezember 2020 in einer Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Ich. Du. Wir. Demokratie geht nur gemeinsam“ verschiedene Fortbildungen zur Demokratiebildung angeboten. Michael Otten, der auch Referent zweier Veranstaltungen zum Thema Rechtsextremismus in dieser Veranstaltungsreihe war, spricht im Interview über politische Bildung in der Schule. Zum Interview …

 

Schulen als Ort einer demokratischen Bildung: Das Kompetenzzentrum für regionale Lehrkräftebildung an der Universität Vechta hat mit der Reihe „ICH - DU - WIR. Demokratie geht nur gemeinsam!“ die politische Bildung an Schulen in den Fokus genommen. Was Neutralität für Lehrer*innen bedeutet, erörterte dabei unter anderem Michael Otten, Lehrkraft für besondere Aufgaben in der Didaktik des Sachunterrichts mit dem Schwerpunkt „Gesellschaftswissenschaftliches Lernen“. Er ist Sprecher des Arbeitskreises „Entwicklungsorientierte Prävention und Bildung“ im Rahmen des niedersächsischen Landesprogramms für Demokratie und Menschenrechte, das vom Landespräventionsrat koordiniert wird, und geht im Interview auf das Thema der Veranstaltungsreihe ein.

Die Diskussion über Rassismus und Rechtsextremismus als gesamtgesellschaftliches Problem ist in vergangener Zeit öffentlicher und intensiver geführt worden. Wie beurteilen Sie die Entwicklung?

Angesichts rechtsterroristischer Anschläge, Morde, Hetze, einem in Teilen der Gesellschaft offen zur Schau gestellten Rassismus, einem parlamentarischen Rechtsextremismus und zahlreichen (latenten) – auf einer Ideologie der Ungleichwertigkeit beruhenden – menschenfeindlichen Abwertungen von Gruppen aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft, scheinen solche Diskussionen überfällig zu sein. Es ist daher wichtig, dass solche Diskurse mehr Aufmerksamkeit erfahren. Das führt hoffentlich zu einer Erörterung der Ursachen, der Offenlegung von Mechanismen der (Re-)Produktion extremistischer und rassistischer Einstellungen und nachhaltiger Bemühungen, diese Probleme zu lösen.

Welche Rolle kann die Schule beim Umgang mit menschenfeindlichen Äußerungen einnehmen?

Die Schule ist neben der Familie der Ort, an dem die Weichen für u.a. demokratische Orientierungen gestellt werden. Deswegen ist es wichtig, diese Institution in die Verantwortung zu nehmen und das dort mögliche Potential auszuschöpfen. Gleichwohl muss die Erwartungshaltung realistisch sein, denn Schule – wie sie sich immer noch darstellt – ist ein ambivalenter Raum: wenig demokratische Strukturen, kaum vorhandene Partizipation von Schüler*innen und selektive Mechanismen erschweren etwaige Bemühungen. Erfolge gegen Rechtsextremismus können sich nicht ad hoc einstellen. Sie sind schwer messbar, wenig sichtbar und vermutlich nicht spektakulär. Prävention in der Schule kann dann erfolgreich sein, wenn sie als Teil der Schulkultur und -entwicklung systematisch angelegt ist. Das schließt das Verständnis einer reflexiven Lehrpersönlichkeitsbildung in allen Phasen der Aus-, Fort- und Weiterbildung und der beruflichen Praxis ein. An diesem Punkt setzte auch die Veranstaltungsreihe „ICH - DU - WIR. Demokratie geht nur gemeinsam!" an und zeigte auf, wie Schule als Ort für demokratische Prozesse gestaltet und weiterentwickelt werden kann.

Vor welchen Herausforderungen stehen Lehrkräfte diesbezüglich?

Es geht um Wissen über die Agitation und Ästhetik der Neuen Rechten: Wie treten diese auf? Wie verschleiern sie Rassismus und ideologische Bezüge zum völkischen Nationalsozialismus? Wie verschieben sie die Grenze des Sagbaren? Wie erzeugen und nutzen sie Desinformationen? Weiterhin geht es um die Fähigkeiten zur Reflexion eigener Reproduktion von rassistischen und diskriminierenden Ressentiments und Verhaltensweisen. Auch Lehrkräfte sind Teil der Gesellschaft, die nicht frei von rassismusrelevantem Wissen und Vorurteilen sind. Prävention von Rechtsextremismus und Menschenfeindlichkeit als pädagogischen und didaktischen Auftrag für das eigene professionelle Handeln anzuerkennen und sich zu engagieren ist im Grunde eine tägliche Aufgabe. Es betrifft nicht nur die Thematisierung und die Gestaltung von Unterrichtseinheiten, sondern auch partizipative Schulentwicklung, Elternarbeit und ihre professionelle Haltung und Selbstreflexion als Lehrkraft. Man weiß aus der Forschung, dass unterrichtlich vor allem die Förderung von emotional und sozial-kognitiven Fähigkeiten, das Schaffen von transkulturellen Erfahrungsräumen, das gemeinsame Leben demokratischer Werte und eine solidarisch-inklusive und kompetenzorientierte Bildung Erfolg versprechend sind.

Sie sagen Lehrkräfte sind nicht neutral, was meinen Sie damit?

Neue Rechte propagieren ein absolutes Neutralitätsgebot, wenn es um (politische) Bildung in der Schule geht. Davon sollte man sich nicht einschüchtern lassen, denn das stimmt so nicht. Es gibt das Gebot einer Parteineutralität, das nicht als Wertneutralität fehlinterpretiert werden darf. Juristische Gutachten wie z.B. vom Deutschen Institut für Menschenrechte stellen fest, dass rassistische Positionen insbesondere dann kritisch zu thematisieren sind, wenn sie sogar von Parteien aus Parlamenten geäußert werden. Politische Bildung zum Beispiel ist nicht neutral, sondern an demokratische Werte wie Menschenwürde und Schutz vor Diskriminierung gebunden.

Bild Demokratisch gestalten
Letzte Aenderung: 09.02.2021 · Seite drucken